Ganz nüchtern betrachtet: Ein Monat ohne Alkohol

Warum? Darum: Delirium

Als ich im Dezember zunehmend das Gefühl hatte, dass der Glühwein mir jede Pore meines Körpers verklebt, er mich aber gleichzeitig mit seinem zuckersüßen Lächeln äußerst erfolgreich dazu verführt, ihn immer und immer wieder an mich ran zu lassen, habe ich einen Entschluss gefasst: Im Januar, da trinkst du nichts. Gar nichts. Ü! ber! haupt! Gar! Nichts!!! trinkst du da.

Wenn ein solcher Entschluss erste einmal gefasst ist, fallen einem plötzlich 1.000 gute Gründe für eine Alkoholabstinenz auf Zeit ein: Das eine Bier zu viel, wo man doch am nächsten Tag arbeiten muss. Sonntage, die man auf dem Sofa verbringt, obwohl es ursprünglich viel coolere Pläne gab. Unruhiger Schlaf und das gedankliche Kreuzchen auf der Skala des Unwohlseins am nächsten Morgen. Kreuzchen bei eins: Ach Mist, der kleine Zwerg, der manchmal in meinem Kopf wohnt, haut seinen Kopf gegen die Wand. Kreuzchen bei zehn: Wieso hat der scheiß nervige Zwerg, der manchmal in meinen Kopf wohnt, schon wieder den fetten lauten Riesen eingeladen, der schreiend beide Arme nach rechts und links ausstreckt und gegen die Wände drückt. All das nimmt man in Kauf. Einfach so. Und das sogar, wo doch die meisten Menschen – so wie ich – Alkohol mit zunehmendem Alter immer weniger gut wegstecken. Früher: Hallo Zwerg. Hello again Zwerg. Heute: F…! Der Riese ist schon wieder da? Wie wäre es daher, zur Abwechslung einmal in Kauf zu nehmen, dass alle anderen wie gewohnt ihr Bier zum Essen bestellen und du nicht? Wie wäre es, das einen Monat lang zu machen? Schwer? Leicht? Unmöglich? Ich hab das mal ausprobiert.

Darauf ein Gläschen…

Kein Alkohol ist auch keine Lösung! Oder eben doch?

Ich muss zugeben, dass ich mir nicht sicher war, ob das klappen wird mit der einmonatigen Abstinenz. Es gibt ja immer supergute Gründe um zu trinken: Die Oma wird 80. Junggesellinnen-Abschied der besten Freundin. Ich fahr in Urlaub. Die Welt ist schlecht, hinterhältig, böse und gemein. Oh, dieses Craft-Beer kenn ich ja noch gar nicht…
Die Liste ist endlos. Außerdem lauert die Verführung überall. Alkohol wird einem nahezu aufgedrängt oder hinterher geschmissen. Das günstigste Getränk auf Speisekarten muss ein alkoholfreies Getränk sein. Das ist dann meistens das kleine Wasser. Gähn! Das Bier auf der Karte ist dann zudem meisten doch günstiger als die fanzy Saftschorle mit Sternanis und Zimt. Hmm… Schwere Entscheidung. Nicht! Zudem ist Alkohol hierzulande so gesellschaftsfähig, dass gar nichts dabei ist, sich Sonntagmittag zu seinem Schweinebraten ein Bier zu bestellen, oder Nachmittags mit den Füßen im Wasser und dem Bier in der Hand an der Isar zu sitzen. Alkohol ist sogar so gesellschaftsfähig, dass Sätze wie „Ich trinke heute nichts“ immer Alkohol meinen, was jedem klar ist. „Ich trinke heute nichts“ heißt nicht, dass man nichts trinkt, sondern dass man keinen Alkohol trinkt.
Als am ersten Januar die Alkoholabstinenz für mich anfing, war mir klar, dass das nicht von Dauer sein wird. Denn kein Alkohol ist ja auch keine Lösung. Immerhin bin ich ein Genussmensch. Jetzt, wo der Monat vorbei ist, kann ich aber zumindest sagen, dass diese Pause überraschend leicht zu meistern war. Vielleicht auch gerade weil dieser Selbstversuch in einem abgesteckten Zeitraum stattfand. Eine Feier, ein Konzert, ein Besuch bei Freunden – das waren die Tage, an denen es sicher schön gewesen wäre, mit den anderen anzustoßen. Aber auch da war es im Endeffekt keine große Hürde, nichts zu trinken. Da ist das Alter einmal ein echter Vorteil. Nimmt man sich mit Mitte 20 eine mehrwöchige Alkoholauszeit, muss man sicher mehr argumentieren als mit Ende 30. Das Umfeld lässt einen machen.

Vieles von dem was man nicht versteht sollte man tolerieren.

Superfeelings. Starke Nerven. Wache Augen

Wer ein paar Wochen lang den Alkohol weg lässt, der wird nicht mit Verzicht gestraft, er belohnt sich vielmehr selbst:

  • Da ist diese super Gewissheit, wenn du am Abend die Nachttischlampe ausknipst, dass es dir am nächsten Morgen gut gehen wird. Kein Zwerg. Kein Riese. Nichts. Jeder Tag kann putzmunter gepflückt werden.
  • Du stellst irgendwann fest, dass du dich fitter fühlst und wacher bist.
  • Bevor du dich fitter und wacher fühlst schläfst du gut.
  • Du lernst neue Getränke kennen wie Guavensaftschorle, Cranberrysaft mit Sternanis und Zimt… is vielleicht manchmal’n bisschen teuerer, aber so what? Gönn dir! Und teurer als Gin Tonic isses eh eher nicht.

So gelingt die Challenge „Alkoholfreier Monat“

Wer seinem Körper auch gerne einmal eine Alkohol-Auszeit gönnen möchte, dem könnten diese Tipps behilflich sein:

  • Realistische Ziele stecken – Damit das Ziel des alkoholabstinenten Monats gelingt, sollte ein passender Monat gewählt werden. Also nicht unbedingt der Advent oder der Monat, in dem deine vier besten Freunde Geburtstag haben. Auch nicht der Monat, in dem man immer mit den Jungs in den Halligalli-Skiurlaub fährt…
  • Ich hatte mir vorher ein Event ausgesucht, bei dem ich den Pakt mit mir selbst für einen Abend hätte brechen dürfen. FYI: ich habe diesen Joker nicht genutzt. Wer sich so einen Joker einbaut, sollte schauen, dass er vielleicht nicht gleich in der ersten oder zweiten Woche zum Einsatz kommt.
  • Gönn dir alternative Genüsse, wenn`s denn sein muss. Kauf dir ne Premium-Schokolade, oder schau wirklich mal, was im Getränkemarkt so für alkoholfreie Sauereien im Regal stehen, die du noch nicht kennst.
  • Mach mehr Sport. Da sprudeln die Glückshormone wie Perlen im Sektglas und wenn man nach dem Training nicht gleich wieder zum Feierabendbier greift, ist am Ende vielleicht sogar der Effekt größer, schöner und straffer.

Na dann Prost

Ein Monat ohne Alkohol ist nicht viel. Der Monat kann aber tatsächlich ausreichen, um einen wieder etwas näher zu sich selbst zu bringen. Wer einen Monat ohne Alkohol zum erstrebenswerten Ziel erklärt, beschenkt sich selbst. Du bist wach. Du bist fit. Du bist leistungsfähig. Denn du bist verdammt nochmal NÜCHTERN. Den Erfolg kann man mit einem Gläschen Sekt begießen oder man schaut, ob da noch mehr geht. Das Schönste für mich war, wenn Leute gefragt haben warum ich das gemacht habe, ein Monat ohne Alkohol. Meine Antwort ist simpel: Weil ich es kann!

Na dann Prost!

Fotocredit (BEER!): Photo by Lance Anderson on Unsplash

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