Georg M. Oswald: Vorleben

Vorleben

Faszination und Frustration

Im Leben der selbstständigen Journalistin Sophia läuft nichts wirklich rund. Sie geht auf die Vierzig zu, die Auftragslage ist schlecht, Selbstzweifel was das berufliche Können anbelangt, schleichen sich ein. Über Beziehungen winkt dann doch noch eine große, weil lukrative Chance: Sie soll die Musiker des Staatlichen Symphonieorchesters München begleiten und Texte für ein Programmheft beisteuern. Noch bevor sie den Job in der Tasche hat, trifft sie auf Daniel, den mehr als zehn Jahre älteren, erfolgreichen Cellisten von Weltrang. Die beiden beginnen sofort eine Affäre, sie verlässt Knall auf Fall ihre Heimat, zieht zum Star-Musiker nach München in dessen luxuriöse Dachgeschosswohnung im Glockenbach-Viertel. Eine ungleiche Liebesgeschichte beginnt. Während Daniel durch die Welt jettet, sitzt Sophia unter dem blau-weißen Himmel der bayerischen Landeshauptstadt und weiß nichts mit sich anzufangen, da das Projekt-Programmheft abgeschlossen ist. Mit Folgeaufträgen vom Orchester kann sie nicht rechnen, denn:

Der Pressechef des Orchesters hatte einen Stand im Foyer des Herkulessaals aufbauen lassen. Das Heft lag dort aus. Abonnenten bekamen es umsonst, die übrigen Konzertbesucher mussten zehn Euro dafür bezahlen und das war’s dann. Das war die Präsentation. Es gab keine Ansprache, keine Lesung, keine Dankesworte, keinen noch so kleinen Applaus, nichts.“

Applaus bekommt nur Daniel, der aber selbst nicht müde wird, Sophia für ihre Arbeit zu loben und sie zu neuen Projekten zu ermutigen. Seinen allesamt erfolgreichen und meist selbst berühmten Freunden, die ab und an zu Dinner-Partys vorbei schauen, erzählt er, Sohpia würde einen Roman schreiben.

Recherche und Recht

Aus Langweile und Neugier beginnt Sophia immer wenn ihr erfolgreicher Freund nicht da ist, sich in der Luxusimmobilie genauer umzusehen. Sie findet eine alte Fotografie von einer jungen Frau, die sie fortan nicht mehr los lässt. Diese Frau auf dem Bild glaubt Sophia wenig später in einem Buch, das ihr in einem Antiquariat in die Hände fällt, wieder zu erkennen. Das Buch erzählt die Geschichte vom grausamen Tod der abgebildeten Frau. Sie wurde vor Jahrzehnten im Münchner Glockenbach-Viertel ermordet. Der Gedanke, es könne sich um die Frau auf Daniels Foto handeln, verfolgt Sophia. Die Journalistin beginnt tiefer und tiefer zu recherchieren. Immer an Daniel vorbei. Das Wechselspiel von Wahrheit und Verdacht, Wissen und nicht wissen wollen schaukelt sich schließlich zu einer Gewissheit hoch, die am Ende nur einen Schluss zulässt und die Frage aufwirft, ob Sophia nicht einfach mit dem Stochern im Vorleben ihres Partners hätte aufhören können.

Warum schöpft man Verdacht gegen jemanden, den man liebt? Und ab wann? Und wenn man es tut, warum folgt man diesem Verdacht?“

Diese Frage eröffnen den Roman Vorleben von Georg M. Oswald. Die spannendste dieser Fragen ist vielleicht schon die erste: „Warum schöpft man Verdacht gegen jemanden, den man liebt?“ Warum schöpft Sophia Verdacht? Weil der andere älter ist? Der Erfolg und der lässige Umgang damit so beeindruckend sind? Weil sein Leben das Gegenteil von ihrem ist? Weil jeder wissen will, was der neue Partner vor einem gemacht hat? Und je älter der ist, desto mehr muss da doch sein, oder? Die Fragenspirale machte den Roman so kurzweilig. Als Leser möchte man nicht nur wissen, was denn nun mit der besagten Frau auf dem Foto geschehen ist und was Daniel damit zu tun hat. Es sind auch diese Beziehungsfragen, rund um die Skepsis und das Verlangen, über das Vorleben des neuen Partners bescheid wissen zu wollen, was wiederum die Frage aufwirft, ob das gut oder schlecht ist.

Und dann ist da noch München

Eine weitere Stärke des Romans Vorleben ist das Bild, das in ihm vom München von vor dreißig Jahren beschrieben wird. Heute gehört München zu den teuersten Städten Deutschlands. Nirgends sind die Mieten höher, eine Wohnung zu finden ist schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden für viele unmöglich. Das München der 1990er-Jahre hatte mit dem von heute noch nichts gemein. Die zukünftige Entwicklung postitionierte sich gerade erst in den Stratlöchern. Das Glockenbach-Viertel – Downton, heute Hotspot, hip und teuer – war geprägt von zum Teil sehr baufälligen Häusern mit weniger schmucken Fassaden. Im Roman ist eines der Häuser von aus der Gesellschaft gefallenen Gestalten besetzt. Heute unvorstellbar. Die Läden, die im Roman Vorleben zur Sprache kommen, die gibt es allerdings noch, wie das Pimpernel in der Müllerstraße oder die Deutsche Eiche in der Reichenbachstraße. Prostituierte, Punks und Hausbesetzer mischen sich allerdings nicht mehr so offensiv unter das Volk der herausgeputzen Innenstadt. Hausfassaden, bei denen der Stuck verdreckt ist und der Putz abbröckelt, muss man suchen. Das Vorleben dieser Stadt liegt hinter neu hochgezogenen Luxusimmobilien und hübsch gemachten Häusern vergraben. Das Vorleben von Daniel, dem erfolgreichen, charmanten und charismatischen Cellisten von Welt, liegt in einem Safe, in Tagebüchern und in seinem Kopf begraben.

Georg M. Oswald: Vorleben, 224 Seiten, 22 Euro: Piper Verlag, 2020