Gute Bücher für seltsame Zeiten: Gute-Laune-Bücher

Lesen mit einem Lächeln

Wann, wenn nicht jetzt, braucht es einen richtigen Stimmungsschub? Wenn alle einigermaßen guckbaren Serien (hallo, Tiger King!) und Filme auf der Watchlist durchgebinged sind, das letzte Möbelstück nun auch in neuem Glanz erstrahlt und diverse Brot- und Kuchenrezepte ausprobiert wurden, spätestens dann sollte der Blick zum Bücherregal wandern.

Und wenn dort nur schwermütige Wälzer oder tausendfach Gelesenes steht? Dann solltest du dich schleunigst auf dem Weg zur Buchhandlung deines Herzens machen (ob nun zu Fuß oder mit dem Browser) – und deren Name sollte keinesfalls mit einem kleinen fetten A beginnen.

Für den Ausflug noch ein wenig Lektüreninspiration gefällig? Kein Problem, denn ich selbst verschlinge gerade selbst vorzugsweise Bücher, die ein Lächeln ins Gesicht oder Lacher in die Kehle zaubern, ohne deshalb in seichte Gewässer abtauchen oder in Kitsch-verklebte Pfützen trampeln zu müssen.

Meine drei Romanempfehlungen haben einiges gemeinsam: Sie sind ebenso intelligent wie witzig, sie verfügen über ebenso einmaliges wie verschrobenes Personal und sie zeigen, dass Bücher über die Liebe eben nicht sentimental, pathetisch und nach Schema F konzipiert sein müssen.

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte (oder The Portable Veblen)

Elizabeth McKenzies Buch ist die vielleicht seltsamste und einfallsreichste Liebesgeschichte, die ich jemals gelesen habe. Sie porträtiert ihre Protagonistin Veblen – benannt nach einem norwegischen Philosophen – mit so viel Farbe, Marotten und Kreativität, dass einem beim Lesen ernsthafte Zweifel aufkommen, ob es sich tatsächlich um eine fiktionale Figur handelt.

Veblen arbeitet als Übersetzerin aus dem Norwegischen, das sie sich weitgehend selbst beigebracht hat. Veblen hat felsenfeste Prinzipen und eine durchgeknallte Familie: eine Mutter, die ganz und gar in ihrer Hypochondrie aufgeht, und einen Vater, der in der Psychiatrie lebt. Da wundert es nicht, dass Veblens bester Freund ein Eichhörnchen ist, das in ihrem Garten lebt. Sie kommuniziert mit ihm, holt sich Lebenstipps und Trost von ihm. Den hat sie auch bitter nötig.

Veblen will nämlich heiraten – den ebenso sympathischen wie genialen Neurologen Paul. So weit, so gut. Pech nur, dass ihre hypochondrische Mutter nicht vor Verzückung darüber im Kreise springt, dass ihre Tochter ausgerechnet einen Arzt ehelichen möchte.

Dieser kämpft wiederum mit seiner Familie aus Alt-Hippies, die einfach nicht verstehen können, warum ihr Sohn ausgerechnet an einer von „Big Pharma“ finanzierten Studie mit Militärveteranen arbeitet. Gleichzeitig baggert ihn die Erbin des Pharmakonzerns unmissverständlich an. Und warum spricht seine Verlobte eigentlich mit einem Eichhörnchen?

Am Ende wird alles mehr oder weniger gut – versprochen. Der Weg dahin macht unglaublich viel Spaß und ist so kunterbunt, dass man hofft, er möge noch 1000 Seiten mehr haben.

Auf Deutsch:
Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte. Dumont Buchverlag, 2018. 12,00 Euro.

Auf Englisch:
Elizabeth McKenzie: The Portable Veblen. 4th Estate, 16,00 Euro.

David Nicholls: Keine weiteren Fragen (oder Starter for Ten)

Jeder, wirklich jeder, kennt und liebt „Zwei an einem Tag“ (im Englischen „One day“) – ob als Buch oder als Film oder beide gleichermaßen, denn jedes für sich ist alternativlos liebenswert. Und wer den Roman– auch wenn mir das fast unmöglich zu sein scheint – noch nicht kennt, sollte auch den in der Buchhandlung gleich mit einpacken. Er wurde von Heike übrigens auch zu ihrer liebsten Liebesgeschichte gekürt – und das soll was heißen!

Weil das Glück, David Nicholls zu lesen, süchtig macht (hier meine Rezension zum ebenfalls empfehlenswerten Us), sei hier sein Erstling empfohlen, den nur wenige kennen. Womöglich fehlt seinem Debüt – einer klassischen und von mir heißgeliebten Coming-of-Age-Story – noch der finale Bestsellerfunke, aber dafür besitzt es unglaublich charmante Ecken und Kanten.

Hauptfigur des Romans ist Brian Jackson: ein absoluter Durchschnittstyp, der darauf wartet, dass endlich das wahre Leben beginnt. Diese Zeit ist jetzt gekommen. Jetzt, das ist in Brians Fall das Jahr 1985. Er hat gerade die Schule abgeschlossen und kommt neu an die University Bristol. Dazu verlässt er seine Heimatstadt und seine alten Freunde und versucht sich mehr oder weniger erfolgreich ins Studentenleben zu stürzen und dabei irgendwie erwachsen zu werden.

Der Erstsemesterstudent schließt sich dem Quizteam der Uni an – eigentlich nur, weil er sich unsterblich in die – na klar – unwiderstehlich schöne Alice verliebt hat, die zudem – na klar – auch noch unglaublich reich ist und – na klar – Schauspielerin werden will. Gerade dieses Quizteam, das sich für die in Großbritannien äußerst beliebte TV-Sendung University Challenge qualifizieren will, wird zu seiner Rettung in dieser neuen fremden Hochschulwelt.

Der Zauber und der Klang des Romans lässt sich in Worten schwer beschreiben. Er setzt sich zusammen aus Versatzstücken von Songs, Zitaten, 80er-Jahre-Kolorit und ganz viel britischem Humor in seiner herrlichsten Variante. Er erzählt vom Verlorensein und Dazugehören mit Anfang 20, von Klassenunterschieden und den Höhen und Tiefen der ersten Liebe. Und wer ein Herz für alles Britische hat, MUSS es sowieso lesen.

Zum Roman gibt es übrigens eine kleine, mehr als fein besetzte Verfilmung mit James McAvoy als Brian und Benedict Cumberbatch in einer seiner (wie ich finde) schönsten Rollen als verkrampfter Quizteam-Nerd.

Auf Deutsch:
David Nicholls: Keine weiteren Fragen. Kein & Aber, 2013.

(leider nur noch antiquarisch erhältlich; manchmal verstehe ich die Politik der deutschsprachigen Verlage nicht)

Auf Englisch:
David Nicholls: Starter for Ten. Hodder, 2007. 11,50 Euro.

Dodie Smith: I Capture the Castle

Schon mal von Dodie Smith gehört? Nein? Komisch eigentlich, dass kaum jemand ihren Namen kennt, schließlich ist sie die Autorin einer der bekanntesten Geschichten überhaupt: Sie hat „1001 Dalmatiner“ geschrieben, das vor allem durch Disney weltberühmt wurde. Ich persönlich hätte auch glücklich leben können, ohne Cruella de Vil jemals kennengelernt zu haben. Viel schwerer würde für mich jedoch der Verzicht auf Cassandra Mortmain wiegen – der Ich-Erzählerin ihres Romans „I Capture the Castle“, das für mich DAS Leseerlebnis des letzten Jahres war.

„I Capture the Castle“ ist ein Klassiker der englischen Jugendliteratur. Ich wette, es würde auch deutsche Leserherzen im Sturm erobern, wenn sich ein deutscher Verlag erbarmen und dem Buch endlich zu der ihm gebührenden Ehre verhelfen würde. Es strotzt nur so vor Witz, Detailverliebtheit, einem vielseitigen Figurenensemble und Poesie. Ach, ich liebe es!

Cassandra Mortmain lebt mit ihren Geschwistern in einem heruntergekommenen Schloss, zu dem das Wasser hereintropft, das mehr Ruine als Haus ist und jeden Moment zusammenstürzen kann. Grund dafür ist ihr durch sein Leben träumender Vater – seines Zeichens Schriftsteller, der jedoch seit Jahren kein Buch mehr geschrieben hat und seine Zeit damit verbringt, schlecht geschriebene Krimis zu lesen. Geld ist dadurch nur knapp vorhanden. Es kommt nur hier und da durch Gelegenheitsjobs der Stiefmutter Topaz herein, die aber bevorzugt nackt durch die Natur streift.

Diesem seltsamen, aber auch seltsam glücklichen Leben verleiht Cassandra durch ihr Tagebuch Ausdruck, das den Rahmen des Buchs bildet. Gleichzeitig verfolgen wir als Leser, wie sie durch das Schreiben und Beobachten langsam zu Schriftstellerin heranreift – und uns als gänzlich unverlässliche Erzählerin trotzdem hinters Licht führt.

Diese Irrungen und Wirkungen um die Familie Mortmain und ihrer Freunde und Feinde zu lesen macht ohne jeden Zweifel glücklich. Es reißt und zieht uns weg von Krisen und Katastrophen hin zu seinen ganz eigenen Krisen und Katastrophen. Die lösen sich verlässlich in Wohlgefallen auf und kommen so sanft und beschwingt daher wie ein Frühlingslüftchen.

Ein Buch zum Wegträumen und trotzdem Ganz-Da-Sein, voller Nostalgie und Zeitlosigkeit. Ein Buch vom Schreiben, von der Schönheit und dem Irrsinn von Hirngespinsten, vom Ich-Werden und eine Hymne aufs Anderssein. Es gibt nichts, was ich nicht daran liebe.

Auf Deutsch:
Dodie Smith: Mein Sommerschloss. Econ Verlag, 2001.

(auch dieser Roman ist leider nur noch antiquarisch zu haben – eine absolute Schande!)

Auf Englisch:
Dodie Smith: I Capture the Castle. Vintage, 1949. 10,00 Euro.

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