Hillary Jordan: Mudbound

Von Angst und Außenseitern

Bevor ich Mudbound in die Hand nahm, hatte ich bereits viel Gutes über das Buch gehört. Das allein war auch der Grund, warum ich es lesen wollte. Ansonsten hätte ich mich davon abschrecken lassen. Warum? Weil – wie so oft – der deutsche Verlag durch seine Covergestaltung und Titelwahl den Roman in ein falsches Licht rückt und so schlechter macht als es eigentlich ist.

Unnötiger Kitschverdacht

Ein pastellfarbenes Einerlei mit aufblühenden Baumwollblüten im Vordergrund, dahinter eine Blockhütte und darüber ein unheilschwangerer Himmel erinnern leider an Frauenromane nach Schema F. Dazu noch ein Untertitel: Die Tränen von Mississippi. Mudbound alleine hat Kraft. Will man ein deutschsprachiges Publikum ansprechen, hätte es auch eine passende Übersetzung getan. Warum den Originaltitel durch diese schwülstigen Zeilen ergänzen, die an Konsalik und Konsorten anknüpfen? Die Tränen von Mississippi klingt für mich nach Liebesnächte in der Taiga, nach Im Tal der bittersüßen Träume und nicht nach Literatur mit authentischen Charakteren und stringenter Story. Ich vermute, dass diesem Roman alleine dadurch viele zufriedene Leser flöten gehen. Ist doch schade.

Erst recht, wenn man bereits nach ein paar Seiten Lektüre bemerkt, dass es sich bei Mudbound nicht um eine Geschichte handelt, die für einen eskapistischen, sogenannten Frauenroman taugt. Hier werden harte Themen angepackt und vor eine Kulisse gestellt, die vor allem für eine Sorte Mensch ein hartes Leben bereithielt: die Außenseiter. Und Außenseiter wird man schnell auf dem flachen Land im Bundesstaat Mississippi, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Darüber entscheidet die Hautfarbe, das Geschlecht, die Religion oder allein schon die Weltanschauung.

Vom Unglück, anders zu sein

Im Mittelpunkt des Romans steht Laura McAllan. Eine hervorragend gebildete Frau aus der Mittelschicht von Memphis. Erst mit über 30 – 1946 galt man da schon als alte, unvermittelbare Jungfer – heiratet sie Henry und folgt ihm aufs Land, auf die neu erworbene Farm Mudbound. Von ihrem Mann vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne wirkliches Mitspracherecht, versucht sie das Beste aus der fremden Situation zu machen. Mit dem bösartigen, rassistischen Schwiegervater als Untermieter und ohne direkte Nachbarn oder Freunde in der Umgebung ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sie ist unglücklich.

Gewalt ist untrennbar mit dem Landleben verbunden. Ständig wird man mit dem Tod konfrontiert: toten Mäusen, toten Kaninchen, toten Opossums, toten Vögeln. Man findet sie, von Maden übersät, auf dem Hof und riecht sie, wenn sie unter dem Haus verfaulen. Dann gibt es da noch die Tiere, die man tötet, um etwas zu essen zu haben: Hühner, Schweine, Hirsche, Wachteln, wilde Truthähne, Welse, Kaninchen, Frösche und Eichhörnchen. Die rupft oder häutet man dann, nimmt sie aus, filetiert sie und brät sie in der Pfanne. Ich lernte, wie man eine Flinte lädt und abfeuert, wie man eine blutende Wunde näht und wie man in den Leib einer keuchenden Sau greift, um ein Ferkel aus der Steinlage zu befreien. Meine Hände taten all diese Dinge, doch meinem Verstand fielen sie nicht leicht.

Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihre beiden kleinen Töchter und ihre afroamerikanische Haushaltshilfe Florence, deren Familie Pächter der Farm sind. Das vertraute Verhältnis der zwei Frauen ist Lauras Schwiegervater und Mann ein Dorn im Auge. Alleiniger Grund: Florences Hautfarbe. Zum Konflikt kommt es schließlich, als Henrys Bruder Jamie psychisch schwer gebeutelt aus dem Krieg heimkehrt. Zeitgleich kommt auch Florences Sohn Ronsel aus dem Kriegseinsatz in Deutschland zurück. Die Männer fühlen sich durch die traumatischen Erfahrungen miteinander verbunden und freunden sich an. Das darf nicht sein, meint Henrys und Jamies Vater und mit ihm die Dorfgemeinschaft. In den amerikanischen Südstaaten nimmt man es 1946 sehr genau mit der Rassentrennung. Als man Ronsel als Beifahrer in Jamies Auto entdeckt, kommt es zum Eklat. Unvorstellbar, dass ein so alltäglich scheinendes Ereignis – man nimmt jemanden aus reiner Freundlichkeit mit dem Auto mit – überhaupt eine Reaktion, schon gar nicht eine gewaltsame, hervorruft. Leider ist das keine reine Fiktion.

Viel ist noch zu wenig

Hillary Jordan nimmt den Rassismus und den Hass gegenüber anders aussehenden, denkenden und fühlenden im Amerika der 40er und 50er Jahre mitfühlend und trotzdem knallhart auseinander. Man erschrickt nicht nur wegen der damals vorherrschenden Brutalität, sondern gerade auch, weil man immer wieder bemerkt, dass es sie auch heute noch gibt. Viel hat sich geändert, aber immer noch viel zu wenig. Diese Stellen, dieses Aufmerksammachen sind Mudbounds große Stärke. Davon hätte ich mir mehr gewünscht als von Lauras, Jamies oder Ronsels Innenleben, die mir alle drei hin und wieder etwas zu stereotypisch, zu gut und großzügig geraten sind. Genauso wie ihre Gegenspieler, in denen nur manchmal eine Vielschichtigkeit, eine verletzte Seele aufblitzt.

Trotzdem ist es ein kluges, emotionales, dichtes Buch über Angst, Hass und Liebe – und hat glücklicherweise nur wenig gemein mit den zart und dümmlich dahin blühenden Baumwollpflanzen auf seinem Cover.

Hillary Jordan: Mudbound. Die Tränen von Mississippi. Pendo, 2017. 15,00 Euro.

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