Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten

Der lange Bart der Revolution

Zwei eigenwillige alte Männer mit Bart kämpfen mit den Leiden des Alters, die nur ihr ebenso eigenwilliger Hausarzt lindern kann. Klingt nicht unbedingt nach einem besonders lesenswerten Buch, oder? Könnte es aber werden, wenn der eine Patient Charles Darwin heißt und der andere Karl Marx.

Die beiden Männer lebten Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich nur eine kurze Distanz voneinander entfernt. Der eine in Kent, der andere mitten in London. Während Darwin über ein großes Haus mit Garten und Bediensteten verfügt – ein Leben, das er auch seiner Ehefrau Emma, die der Porzellan-Dynastie Wedgwood entstammt, zu verdanken hat –, lebt Marx am Rande des Existenzminimums. Seinen Arzt und sämtliche andere Kosten werden durch seinen Freund Friedrich Engels gedeckt.

Beide können auf ein imposantes Lebenswerk zurückblicken und ohne Prahlerei behaupten, sie hätten die Welt verändert. Der eine wirft die Biologie und die gesamte Schöpfungsgeschichte über den Haufen, der andere Politik und Gesellschaft – die große Revolution, die sie auslösen, werden sie jedoch nicht mehr erleben. Über die Tragweite ihrer Erkenntnisse und Gedanken sind sie sich aber schon zu Lebzeiten bewusst.

Lebensfragen

Wir Leser lernen Darwin und Marx am Ende ihres Lebens kennen. Von Schmerzen geplagt und mit sich und ihrer Umwelt nicht so ganz im Reinen. Jeder kämpft mit seinen eigenen Dämonen. Darwin mit seiner Frau Emma, die ihm die Abkehr von der Kirche nicht verzeihen mag, Marx hat viele Baustellen – die Flucht aus Deutschland, sein Leben mit zwei Frauen und die prekäre finanzielle Lage. Über beiden schwebt stets die Frage der Religion: Darwin wollte einst Priester werden, Marx stammt aus einer Familie von Rabbinern. Schwer, diese inneren Kontroversen zu vereinen.

Ilona Jerger zeigt uns die Männer in zwei Perspektiven: der ihres gemeinsamen Hausarztes Beckett und der eigenen. Ihr Schwerpunkt liegt eindeutig bei Darwin, der lebendiger und intensiver gezeichnet wird.

Als Doktor Beckett zum ersten Mal vor Down House den Schlag seiner Kutsche öffnete, war Darwin gerade mit einem Farbeimer in Händen aus der Voliere geklettert. Er rang mit der Schönheit, die einfach nicht in den rauen Kampf ums Dasein passen wollte. Wie konnten Hirsche mit beeindruckenden, aber schweren Geweihen und Pfauenhähne mit prachtvollen, aber hinderlichen Schleppen zu den Fittesten gehören? Um diesen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, pfuschte er den Pfauen ins Handwerk, indem er mit Emmas Schere einem Hahn Augen aus dem Gefieder schnitt – und schaute zu, wie die Damen ihn verschmähten.

Vielleicht wird er deshalb auch der sympathischere Charakter. Marx bleibt eine schemenhafte, polternde und widersprüchliche Gestalt, aus der man sich bis zum Ende des Buches nicht wirklich einen Reim machen kann. Das ist schade – vor allem weil der Buchtitel andere Erwartungen weckt.

Hierin lag auch der Grund, warum Marx es sich verbot, sich vom kommunistischen Leben ein Bild zu machen. Jeden Neugierigen, der danach fragte, kanzelte er ab. So etwas fragen nur Idioten, die seinen wissenschaftlichen Sozialismus nicht im Ansatz kapiert hätten. Man könne doch keine Freiheit im Vorhinein konzipieren. Erst müssten die Verhältnisse gewandelt werden, alle Ketten abgeworfen, und die Bedingungen für ein gutes Leben hergestellt, dann ergebe sich alles Weitere von selbst.

Sachgeschichten

Die Konzentration auf einen Charakter wäre aber nicht weiter schlimm, zöge das Buch mehr in seinen Bann oder überzeugte zumindest mit dichter Atmosphäre. Leider merkt man dem Roman auf jeder Seite seinen Plan an, seine stringente Konstruktion, die sich auf ein Ziel fokussiert: das Treffen der beiden. Aber auch das ist viel zu kurz, viel zu vage und letztendlich zu ereignislos.

Wahrscheinlich klingt das negativ und niederschmetternd. Ist es aber gar nicht. Ich will keinesfalls vom Buch abraten, ich habe es sogar sehr gerne gelesen. Aber eben nicht unbedingt als Roman. Ein ausgeschmückter historischer Bericht, realistische Fan-Fiction: womöglich trifft es das ganz gut. Ilona Jerger jongliert mit einem ungeheuren Detailwissen über Darwin und Marx. Man lernt und erfährt viel über die Zeit, ihr Leben, die Umstände, in denen diese Weltgeschichte geschrieben wurde. Das wird im Mantel dieser Erzählung wunderbar serviert. Aber es ist keine große Literatur.

LESERASTER

This book is for you:

  • Begeisterte Sachbuchleser, die keine Angst vor Romanen haben
  • Wer mag, wenn Fakt und Fiktion verschmelzen
  • Wenn Du Dich für Naturwissenschaften und/oder Politik und Geschichte interessierst

But not for you:

  • Wer Romane hauptsächlich wegen ihrer schönen Sprache liest
  • Wenn du die Schnauze voll hast von alten, weißen Männern
  • Fans spannungsgeladener Bücher mit jeder Menge Handlung

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Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten. Ullstein Verlag, 2017. 20,00 Euro.