Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf

Verkopfte Herzensangelegenheiten

London liegt im Nebel. Im Dezember 1952 hatte sich ein gelber Dunst über die Stadt gelegt, an dessen Folgen tausende Menschen starben. In diesen giftigen Schleier setzt Iris Murdoch ihre ebenso undurchsichtige wie irrwitzige Geschichte um zwei Männer und drei Frauen, in der niemandem zu trauen und alles möglich ist.

Martin Lynch-Gibbon, Hauptfigur und Ich-Erzähler, kommt eines Abends im besagten nebelverhangenen Dezember von seiner Geliebten Georgie nach Hause. Dort eröffnet ihm seine langjährige Ehefrau Antonia, dass sie ihn für ihren gemeinsamen Freund, den Psychoanalytiker Palmer Anderson, verlassen wird. Ein Unding für Martin, schließlich war ja er derjenige mit der Geliebten. Wer rechnet da schon damit, dass die Ehefrau dasselbe tut?

Frauen und Freunde

So recht entscheiden mag die Gute sich dennoch nicht und bietet Martin zusammen mit Palmer eine enge Dreier-Freundschaft an. Um sein Wohlergehen sichtlich bemüht, umgarnen die beiden den gehörnten Ehemann. Dem scheint die Aufmerksamkeit und Nähe zu der neuen Paarung gar nicht so unangenehm. Auch sein Herzeleid, das er dem Leser beständig klagt, mag man ihm nicht so recht abnehmen. Aber es kommt ihm nur zugute: Schließlich sorgen jetzt nicht mehr nur Ehefrau und Geliebte für ihn, auch seine Schwester betüddelt das Eheopfer.

„Aber Antonia, Liebes, was soll ich denn ohne dich tun?“
Der schmerzlich konzentrierte Gesichtsausdruck verstärkte sich, bevor er mit einem Aufschrei zusammenfiel und sie plötzlich zu schluchzen begann. Wie bemitleidenswert sie doch aussah, wenn sie weinte. Ich ging zu ihr, und sie ließ ihre Stirn langsam auf meine Schulter sinken, ohne die Hände vor das Gesicht zu schlagen. Die Tränen fielen zwischen uns herab.
„Ich wusste, dass du es gut aufnehmen würdest“, sagte sie kurz darauf. „Ich bin so erleichtert, dass es endlich raus ist. Es war schrecklich, dich anzulügen. Du solltest wissen, dass ich immer für dich da sein werde.“
Dann wiederholte sie beständig, „danke, Martin, danke“, so als hätte ich sie schon freigegeben.
„Na ja, sagte ich, „den Kopf habe ich dir ja nicht abgerissen, nicht wahr?“
„Mein Kind“, sagte sie. „Mein liebes Kind.“

Eigentlich, denkt man sich als Leser, könnte sich alles in Wohlgefallen auflösen: Ehefrau und Ehemann mit den jeweils neuen Partnern Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Passiert aber nicht. Denn: erstens herrscht Nebel, zweitens befinden wir uns am Anfang des Buches und drittens schreibt hier Iris Murdoch.

Stattdessen gesellen sich zu dem Vierer-Reigen noch zwei andere Figuren hinzu. Martins Bruder Alexander und Palmers Schwester Honor Klein sorgen dafür, dass sich das Liebeskarussell in schwindelerregender Geschwindigkeit zu drehen beginnt und die Charaktere in immer neue Konstellationen katapultiert – eine mal mehr, eine mal weniger überraschend.

Das kann nur Mrs Murdoch

Das Ganze ist eigentlich dazu verdammt, ins Lächerliche abzudriften und uns Leser so zu verwirren, dass wir nicht mehr wissen, wer nun mit wem verbandelt ist und wem wir eigentlich trauen können. Na, niemandem natürlich! Am allerwenigsten der Autorin selbst. Aber die kluge Mrs Murdoch geht so geschickt ans Werk, dass dieser wilde Ritt nicht nur ungeheuer spannend, sondern vor allem auch ungeheuer spaßig zu lesen ist. Privat waren dieser wunderbaren Schriftstellerin, die 1999 an Alzheimer starb, übrigens solche Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen auch nicht unbekannt. Vielleicht versteht sie es deshalb, so ironisch darüber zu schreiben, ohne die Ernsthaftigkeit und Menschlichkeit ihrer Figuren in Frage zu stellen. Der leise Spott, der die Tragik mancher Situation überzieht, das ist schon very British und sorgte bei mir für viele Lacher.

Ein abgetrennter Kopf ist ein guter Ausgangspunkt, um Iris Murdoch kennenzulernen. Sie war ein Star der britischen Literaturszene – ganz zurecht – und ist bei uns kaum bekannt. Vielleicht ändert sich das ja mit diesem Buch. Wer sie noch besser kennenlernen will, sollte sich die großartige Verfilmung ihres Lebens mit Kate Winslet und Judi Dench ansehen. Iris Murdoch ist immer großes Kino.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wer unerwartete Wendungen liebt
  • Fans des feinen britischen Humors
  • wenn der Geschlechterkampf dein Thema ist

But not for you:

  • Wer zum Lachen in den Keller geht
  • einen Wink nur versteht, wenn er mit dem Zaunpfahl geschieht
  • männliche Trottel nur schwer ertragen kann

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Iris Murdoch: Ein abgetrennter Kopf. Piper Verlag, 2017. 24,00 Euro.

Iris. Touchstone Pictures, 2001.