J. Paul Henderson: Der Vater, der vom Himmel fiel

Ein bisschen Spaß muss sein

Weil ich in letzter Zeit viele Bücher gelesen habe, die eher zur Kategorie schwere Kost zu zählen sind, dürstete es mich nach Abwechslung. Gerade recht kam mir da J. Paul Hendersons Roman Der Vater, der vom Himmel fiel und er hat mich nicht enttäuscht: eine leichte Lektüre mit etwas abseitigem britischen Humor, die dennoch auch ihre ernsten Momente hat.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Lyle Bowman, der sich aus Versehen selbst umbringt. Er stellt seinen Malerpinsel in das Wasserglas mit Antibiotikum und trinkt das Glas mit Terpentin in einem Zug leer. Von einem plötzlichen Schwindelgefühl gepackt, rennt der alte Mann über die Straße und wird von einem Bus überfahren.

Der Tod ist erst der Anfang

Zu seiner Beerdigung versammelt sich die Familie. Seine Söhne Billy und Greg, sein Bruder Frank, ein paar neugierige Nachbarn sowie Billys Frau, Tochter und Schwiegermutter. Schnell wird klar: niemand mag hier niemanden, nicht einmal sich selbst. Am wenigsten haben sich die Söhne zu sagen. Der Überflieger Greg floh als junger Mann aus der nordenglischen Arbeiterstadt mit einem Stipendium in der Tasche Richtung Amerika. Zurück ließ er seinen älteren und sensibleren Bruder Billy, der weitaus weniger erfolgreich darin war, sich eine Karriere aufzubauen. Nichts scheint ihm so richtig zu gelingen. In der Beziehung zu seiner dominanten Frau Jean und seiner von dieser auf Castingshow-Format getrimmten Tochter Katy ist ebenfalls der Wurm drin.

„Ich lass mich aber operieren, wenn ich groß bin, stimmt’s, Mum?“ „Das kann man auf jeden Fall immer als Option im Hinterkopf behalten“, antwortete Jean lächelnd. Billy drehte sich unglücklich zu seiner Frau um. „Wieso redest du ihr denn so was ein? Sie ist doch erst sieben!“

Seine Schwiegermutter, die höchsten Wert auf ihr Dasein als Arzt-Witwe legt, setzt dem schrecklich-schönen Schlamassel noch die Krone auf.

Wieder-Auftritt Lyle Bowman. Im schwebenden Wartezustand vor Petrus’ Himmelspforte gefangen, beobachtet der tote Vater das sich nach seinem Tod abspielende Familienchaos und schreitet ein. Als sprechender Geist wandert er durch sein altes Haus und begegnet dort seinem älteren Sohn Greg.

Ich wirbelte also aus dem Nichts in einen kleinen weißen Raum und saß dort vor einem Mann, der aussah wie ein umgekehrter Mensch, ein bisschen wie ein Negativ. Später erfuhr ich, dass man diese Leute Röntgenmenschen nennt. „Hallo, Lyle“, sagte er. „Wie geht es Ihnen?“ Ich hab gesagt, dass ich mir nicht ganz sicher bin, aber entweder wäre ich tot oder hätte zumindest einen richtig beschissenen Tag. Er hat gefragt, was mir denn lieber wäre, und ich habe natürlich geantwortet: Ein beschissener Tag. Daraufhin hat er den Kopf geschüttelt wie ein Lehrer, wenn man eine falsche Antwort gibt, und etwas in meiner Akte vermerkt. Dann hat er den Stift hingelegt, die Hände verschränkt, und mir eröffnet, dass ich tot sei.

Lyle bittet Greg um einen letzten Gefallen: die Familie zu versöhnen. Das kann der dem lebendigen Toten natürlich nicht abschlagen und setzt zur Versöhnung an. Gar nicht so einfach bei einer Familie, in der jeder ein ordentliches Paket voller Geheimnisse, Komplexe und Verletzungen mit sich herumträgt.

Charmantes Chaos

Auch der beziehungsunfähige Greg ist davon nicht frei. Wie also seinen verrückt-chaotischen Onkel Frank davon abbringen, einen Banküberfall zu begehen? Und wie aus seinem Bruder Billy herausquetschen, warum er beim Wort „Füße“ Schweißausbrüche bekommt und er ihm statt auf Dienstreise durch Dänemark zu fahren, in den Yorkshire Dales begegnet? Ja, und wie endlich mit dem Bruder über den viel zu frühen Verlust der Mutter sprechen?

Familie: gar nicht so einfach. Das Leben meistern: erst recht nicht. Wie eng beides miteinander verknüpft ist, zeigt Henderson in seinem locker dahin geschriebenen Buch äußerst komisch. Dabei verliert er sich aber nie in Witzen, sondern behält immer die Schwere des Themas im Blick. Denn ohne ein ernstes Fundament ist ein Witz eben nur Klamauk.

Seine Charaktere schreibt er detailreich und allzu menschlich, mit viel Liebe für ihre Schrullen und Macken. Das ist vielleicht die größte Stärke dieses Buchs: dass seine Figuren witzig zu lesen sind, aber nie zu Witzfiguren verkommen. Die schrägsten Geschichten schreibt nun einmal das Leben selbst und dieses Buch ist der beste Beweis dafür.

Wer dringend gute Laune braucht und sich trotzdem ernst genommen fühlen will, sollte unbedingt zugreifen. Ich hab’s jedenfalls nicht bereut.

J. Paul Henderson: Der Vater, der vom Himmel fiel. Diogenes, 2017. 20,00 Euro.

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