Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht

Romeo und Julia light

Als Jamey klein war, wurde er mit einer Limousine von den Hamptons in die Stadt gebracht und umgekehrt, und wenn er nach oben sah, stand immer irgendein Teenager auf der Brücke über den Long Island Expressway, das Gesicht gegen den Maschendraht gedrückt, die Silhouette von grellblauem Sonnenlicht umstrahlt. Er hatte Angst vor diesen Kids, fühlte sich bedroht. Nicht, weil sie ihm etwas antun konnten. Sie kamen nicht an ihn heran, sahen ihn nicht mal durch die getönten Scheiben. Es war der Gedanke, dass sie Bescheid wussten und er keine Ahnung vom Leben hatte. Er war fasziniert davon, wie traurig sie waren, wie wenig sie hatten, was sie ertrugen, was sie sahen.

Der eisige Geldadel

Jamey Hyde stammt aus altem, schnöseligem Geldadel der amerikanischen Ostküste. Eine dieser Familien, aus denen amerikanische Präsidenten kommen, die in Immobilien und Charity machen, aber mit den armen Schweinen, denen sie großzügig spenden, nichts zu tun haben wollen. Der Gipfel der Macht macht kalt – so kalt, dass ein sensibles Kind wie Jamey fast zu Eis erstarrt. Aus ihm wird ein Erwachsener, der sein Leben mehr erduldet als lebt und es betrachtet, als stünde er vor einer dicken, blank polierten Schaufensterscheibe. Er leidet daran, dass er an nichts leidet. Und dann kommt Elise.

Elise ist einer dieser Teenager auf der Brücke, vor denen er als Kind Angst hatte – zumindest ihre Verkörperung. Wie Jamey ist sie Anfang 20 und gerade von zuhause abgehauen. Wenn Jamey von der eiskalten Spitze der Gesellschaft kommt, stammt Elise aus dem Tal, der Talsohle. Einem Tal, das nur so brodelt vor Armut und Gewalt. Und wenn es dort Liebe gibt, dann nur als sekundenkurzes Aufflackern.

Freudloses Feuer

Nun treffen die beiden aufeinander. In New Haven, im Umfeld der Universität von Yale. Sie leben beide in WGs, getrennt durch eine Straße. Genau mit Metaphern wie diesen – den gegenüberliegenden Straßenseiten, der Arm-Reich-Schere, Jameys blonder Föhnwelle und Elises Rastalocken – macht es mir Jardine Libaire etwas schwer, mich auf das Buch einzulassen. Das Setting in den Achtziger Jahren hat zweifellos Charme (heute würde dieser Kontrast noch weniger funktionieren) und doch bleibt ihr Liebespaar ohne Charme und Feuer.

Libaire hat Talent. Sie kann Sätze schleifen, Wendungen falten, uns in wahnsinnige Szenen schleudern. Könnte sie das nicht, wäre das Buch wahrscheinlich freudlos, seicht und klebrig wie Kaugummi. Ist es nicht. Es hat Niveau.

Aber ich kann Jameys und Elises Verzweiflung nicht spüren. Nicht, was es heißt, sich für den Partner von der Familie zu lösen, kein Gefühl entwickeln, warum man sich kopflos in den Drogenrausch und die sexuelle Ekstase stürzen will. So bleibt es eine Romeo und Julia-Geschichte, die es dann doch nicht so ganz ernst gemeint. Die von der Klippe springt, um sich dann letzten Endes doch am Vorsprung festzuklammern. Ich hätte mehr Mut gebraucht, für die Handlung und ihre Figuren. Dann hätte aus einem gutgemeinten Roman ein guter werden können.

LESERASTER

This book is for you:

  • Für Liebhaber amerikanischer Sittengemälde
  • Wenn Du keine Angst vor Sex, Drugs and Crime hast

But not for you:

  • Wenn Du genug hast von Büchern, die in New York spielen
  • Wer nur heile Welt vertragen kann
  • Wer Literatur braucht, die ihre Linie konsequent durchzieht

Wer diese Rezensionen mochte, mag Uns gehört die Nacht:

Mudbound
The Nest
Das geträumte Land

Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht. Diogenes Verlag, 2018. 16,00 Euro.