Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern

Ein Jugendbuch für alle

Der Plot von Bis die Sterne zittern spielt primär im Leipziger Stadtteil Connewitz, dem Geburtsort des Autors Johannes Herwig, der mit diesem Werk sein Debüt vorlegt. Bis die Sterne zittern ist aus vielerlei Gründen die perfekte Schullektüre. Johannes Herwig entführt seine Leser in das Jahr 1936. Wer sich an seinen Geschichtsunterricht zurück erinnert – sich nicht zu erinnern ist im besten Fall unmöglich – dem fallen wahrscheinlich spontan die Jahre 1933, Hitlers Machtergreifung, und die Zeit ab 1939, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein. Dazwischen hat sich die braune Gesinnung ausgebreitet und sich dabei auf perfideste und brutalste Weise alles und jeden einverleibt.
Aber wie genau lief das ab? Und wie einfach war das? Oder war es gar nicht so leicht? Gerecht, das wissen wir, war es nicht. Widerstand hatte keine Chance. Auch das wissen wir. Aber gab es ihn überhaupt, den Widerstand? Und wie sah der aus? Unter anderem auf diese Fragen zielt das Jugendbuch Bis die Sterne zittern von Johannes Herwig ab. Daneben macht es noch viel mehr. Dieses Debüt richtete den Blick auf die Generation, die ihrer Jugend und ihres jungen Erwachsenendaseins beraubt wurde. Schule schwänzen, sich zum ersten Mal verlieben, Freundschaften knüpfen, die für immer hätten halten sollen: all das gab es natürlich auch nach der Machtergreifung. All das hatte genauso viel Gewicht wie in jeder Generation davor und danach auch. Aber es hatte – anders als in anderen Generationen – nie eine echte Chance.

Sommer der Angst

Der 16-jährige Harro wächst gut behütet bei sozialdemokratisch tickenden, einigermaßen wohlhabenden Eltern auf. In der HJ ist er nicht, weil er mit dieser Gesinnung nichts zu tun haben will. Am ersten Sommerferientag gerät er daher in eine Schlägerei mit Hitlerjungen. Die mögen es nicht, gemieden zu werden. Ihm kommt die Clique um den Nachbarjungen Heinrich zu Hilfe. Heinrich und seine Freunde sind anders. Sie tragen ebenfalls keine HJ-Uniform. Sie haben einen ganz eigenen Dress-Code: kurze Hosen, karierte Hemden, auch die Mädchen, die zudem kurze Haare tragen. Die Gruppe um Heinrich wird Harros neuer Freundeskreis. Schnell werden die Bande eng und enger. Die Jugendlichen ticken gleich. Sie ticken anders. Selbst als Harro auf Drängen der Eltern, die sich zumindest nach außen mehr und mehr anpassen, um kein Aufsehen zu erregen, doch in die HJ eintritt, bleibt die Zeit mit der Clique das Wichtigste für ihn. In der HJ macht er nur das Nötigste, wenn er überhaupt zu den Treffen geht. Die Gruppe Jugendlicher fällt auf. Und weil sie anders ist, fällt sie unangenehm auf. Mittlerweile tragen sie Ringe, die ihre Gruppenzugehörigkeit besiegeln. Sie planen kleine politische Aktionen, ohne zu ahnen, wie gefährlich deren Durchführung für sie werden könnte. Sie halten die Augen offen, wer wie sie anders denkt. Durch dieses unangepasste rebellische Verhalten geraten sie zunehmend in Gefahr. Auf Prügeleien folgen Inhaftierungen und Befragungen, von denen lange nicht klar ist, warum sie durchgeführt werden und auf was genau sie abzielen. Harro und seine Freunde erleben den Anfang vom Ende der Unschuld, der Jugend und des Friedens hautnah am eigenen Leib. Sie begegnen den Anfeindungen mit viel Kraft, aber ohne jede Macht und Möglichkeiten, diesen Kampf für sich zu entscheiden. Ob sie es bereits ahnen? Ganz deutlich wird das nicht. Etwas Hoffnung schwingt aber beinahe immer mit.

Sommer der Liebe

Selbst der Leser, der es besser weiß, kommt ins Hoffen, wann immer es um die Nebenhandlungen geht. Denn wo eine Horde Teenager aufeinander trifft – rebellische Jungs, unangepasste Mädchen – da ist das Bollwerk geballter Gefühlswelten nicht weit. Harro verliebt sich. Erst in die schöne Josephine, die aber Heinrichs Freundin wird. Dann schlägt sein Herz für Käthe, die ihn erhört. Diese Liebe wird so zart und nahbar geschildert. Sie wächst und gedeiht wie ein junges Pflänzchen, das nach seiner vollen Blüte strebt. Leider wurde es auf schlechten Boden gepflanzt. Diese Liebe wird keine Chance haben, so wie wohl beinahe keine Liebe dieser Zeit eine unbeschwerte Zukunft vor sich hat. Es ist eine Stärke von Bis die Sterne zittern den Lesern vor Augen zu führen, dass hier eine Generation verheizt wurde, lange bevor sie in den Krieg zog.

Die perfekte Schullektüre

Was hättest du getan?

Was hättest du getan? Das ist sicher eine der am nachhallendsten Fragen, die Lehrer hierzulande ihren Schülern stellen, wenn sie die Zeit ab 1933 im Geschichtsunterricht durchnehmen. Das Problem dieser Frage ist: sie ist nicht zu beantworten. Wir wissen, was wir antworten wollen: Ich hätte nichts schlimmes gemacht. Ich hätte nicht mitgemacht. Ich hätte Widerstand geleistet. Aber hätten wir das wirklich? Können wir das wissen? Wir befinden uns hier in einem positiven Dilemma. Wir hätten dabei sein müssen, um ganz sicher zu wissen, was wir getan hätten. Aber zum Glück – hier ist das Positive an diesem Dilemma – waren wir nicht dabei. Bis die Sterne zittern zeigt aber, dass es den Versuch von Widerstand gab. Der Autor macht klar, dass es tatsächlich Menschen gab, die sich so verhalten haben, wie wir heute behaupten, dass wir uns verhalten hätten. Johannes Herwig bedient sich bei seinem fiktiven Plot an einer realhistorischen Gruppe Jugendlicher, die so ähnlich wie Harro und seine Freunde unangepasst lebten und versucht haben, gegen den Strom zu schwimmen. Die Leipziger Meute – so steht der Name in Aufzeichnungen – wurde ab 1938 vom Staat stark bekämpft. Lehrer, die auf die Meute verweisen, können so deutlich machen, dass es neben Hans und Sophie Scholl und der Weißen Rose weit mehr jugendlichen Widerstand gab.

Wir wussten von nichts

Neben den Fragen, was man selbst getan hätte und welche Art von Widerstand es gab, beleuchtet Johannes Herwig in Bis die Sterne zittern auch die Frage danach, was die Leute wussten. Was konnten sie wissen? Was mussten sie wissen? Das Buch spielt 1936. Die Verdrängung fand erst später statt. Der 16-jährige Harro wusste Dinge. Johannes Herwig erzählt das, ohne den Zeigefinger zu heben, ohne zwischen den Zeilen Vorwürfe oder etwas Herablassendes zu kommunizieren:

„Mit den Lehrern fing es an. Einer nach dem anderen verschwand. […] Betraf mich nicht, zumindest nicht direkt. Aber dann ging es mit den Schülern los. Einer meiner besten Freunde, den hat’s immer wieder erwischt. Paul hieß der, prima Kerl. Sind als Kinder um die Häuser gezogen und haben Streiche gespielt, Klingeln mit Lehm verkleben und so was, verstehst du? Und wie oft ich freitags bei ihm zum Essen eingeladen war! […] Doch als Jude war er dann vogelfrei. Minderwertig. Die Pimpfe vom Jungvolk waren die Garstigsten.“

Paul flieht mit seiner Familie ins Ausland, auch das hat Harro mitbekommen. Dass Hitler nicht von allen Menschen mit wehenden Fahnen willkommen geheißen wurde, dafür stehen Harros Eltern. Bei der HJ erfährt Harro bei einer Lehreinheit zu chemischen Kampfwaffen, dass bald Volksgasmasken verteilt werden würden:

In diesem Moment dachte ich wieder daran, wie Freunde meiner Eltern schon im Frühjahr 1933 davon gesprochen hatten, dass es mit Hitler einen neuen Krieg geben würde.“

Im Sommer 1936 wird der Krieg noch nicht ausbrechen. Zwischen der ersten Liebe und tiefer freundschaftlicher Verbundenheit macht sich aber eine Stimmung breit, die vorweg nimmt, dass all das – die Liebe, die Freundschaft – nicht ewig währt.

Ein Buch für alle

Dieses Buch erzählt aus der Perspektive eines Teenagers mit Flausen im Kopf und einem nervös verliebt pulsierendem guten Herzen davon, wie sich der Nationalsozialismus unaufhaltsam seinen Weg bahnt. Der braune Sumpf spielt im Leben des verliebten Teenager nicht immer die Hauptrolle. Durch die Verliebtheit des Jungen und sein ungestümes Wesen wird einer Zeit, von der wir glauben, alles zu wissen, eine Normalität und Unschuld zurückgegeben, von der wir gar nichts wissen. Wir dürfen im Bösen nicht nach Gutem suchen. Soweit die Moral. Natürlich gab es 1936 verliebte Jungs. Natürlich fanden Schüler auch 1936 Schule blöd und Abhängen super. In Martin Walsers Roman Ein springender Brunnen werden die Jahre ab 1933 aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählt. Auch hier stehen Dinge im Vordergrund, die im Aufwachsen eines jeden Kindes im Vordergrund stehen. Politik, Krieg und Zerstörung gehören da erst einmal nicht dazu. Werden Kinder und junge Erwachsenen zu den Protagonisten von Romanen, die den Nationalsozialismus erzählen, scheint es einfacher zu sein, den erhobenen Zeigefinger in der Hosentasche zu lassen und mehr über die jeweilige Zeit zu erfahren als das, was in den Geschichtsbücher steht. Bis die Sterne zittern ist ein Jugendbuch, das hervorragend zur Schullektüre taugt. Gerade weil Themen wie Rebellion, Aufbegehren, Liebe und Sex zum Teil der Geschichte gehören und eben nicht nur die Geschichte, die wir bereits kennen. Die Sprache in der Johannes Herwig schreibt, bringt uns die Vergangenheit und die Figuren, die Lausebengel und die Mädchen, sehr real näher. Wäre ich Schüler, würde ich mich über diese Lektüre freuen. Auch als erwachsener Leser habe ich mich sehr über diesen Roman gefreut und das, obwohl er in erster Linie traurig macht und am Ende die Gewissheit steht: Wir wissen gar nichts. Wir waren nicht dabei. Zum Glück. Das ist doch nur Glück. Kein Dilemma.

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, 256 Seiten, 14,95 Euro. Gerstenberg Verlag, 2017.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 14 Jahren.

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