Juli Zeh: Unterleuten

Die ganze Welt ein Dorf

Es ist eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe: Unterleuten von Juli Zeh. Man taucht mit jedem Satz tiefer und tiefer ein in den sechshundert Seiten Wälzer, vergräbt sich in der Geschichte eines Dorfes, mit dem sinnigen Namen Unterleuten, klüngelt mit dem fiktiven Personal, knüpft Freundschaften, pflegt Feindschaften, die ja noch nicht einmal die eigenen sind.

Im Dorf Unterleuten in Ostdeutschland, nahe Berlin gelegen, treffen allerlei Menschen aus mehreren Generationen aufeinander. Da sind die alteingesessenen Institutionen, deren Kinder und Enkelkinder, Mysterien an Menschen gibt es auch, Eingeheiratete und die Zugereisten aus dem nahen Berlin. Plötzlich platzt ein Thema in die vermeintliche Idylle, das jeden etwas angeht. Auf einem Stück Land von Unterleuten sollen bald Windräder die frische Luft durchpflügen. Dieses Vorhaben wirbelt ordentlich Staub auf. Gegner und Befürworter des Projektes geraten mehr und mehr aneinander. Dabei werden alte, ungeklärte Geschichten freigelegt und parallel brauen sich über dem Dorfhimmel schon die nächsten Katastrophen zusammen.

Der Staffelstab der Erzählperspektive wird alle paar Seiten weitergereicht, indem der auktoriale Erzähler das Geschehen reihum, aus den wechselnden Perspektiven der vielen Figuren schildert. Auf diese Weise wird auch erzählt, wie das Zusammenleben auf einem Dorf vonstatten geht.

Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten, die sich weitererzählen ließen.“

Diese Dorfkommunikation des nicht miteinander, sondern übereinander redens, bestimmt seit jeher das Geschehen im Ort. In Unterleuten gab es ein tragisches Ereignis, das Jahrzehnte zurück liegt. Die meisten Beteiligten leben noch im Dorf und doch machen verschiedene Varianten des Geschehens die Runde und halten sich hartnäckig, in den unterschiedlichen Anhängerkreisen, als die jeweilige Wahrheit. Die Zugereisten wollen zunächst von verhärteten Fronten nichts wissen und halten erst einmal jeden für eigentlich ganz nett.

„,Alle Menschen sind nett, wussten Sie das nicht? Hitler war nett, Milosevic war nett, Ahmadinedschad ist nett. Dazu gebildet und charmant. Gott sei Dank fehlen uns in Unterleuten Bildung und Charme. Deshalb sind wir wenigstens keine Massenmörder, sondern nur Kleinkriminelle“, so einer der Dorfälteren im Erklärmodus.

Kleinvieh macht auch Mist

Der Roman Unterleuten leistet mehrfach Großes. Er erzählt, wie Dorfstrukturen funktionieren oder eben auch nicht funktionieren. Er zeigt, wie sich alte Strukturen zu halten versuchen. Alles Neue ist erst einmal schlecht. Fortschritt ist Fremdbestimmung. Zugereiste sind Eindringlinge, die den Frieden stören. Im Grunde ist alle Nächstenliebe Fassade. Jeder ist dann doch am liebsten für sich und ist sich selbst der Nächste. Wenn man Vorteile wittert, wird angebandelt, ausspioniert, munter am Opportunismuskarussell gedreht, bis die Zeiger des möglichen Zugewinns auf einen selbst deuten.

Dieser kleine Lebensraum lässt sich auf die gesamte Gesellschaft hochrechnen. Es werden Klischees bedient und alle bekommen ihr Fett weg: die jammernden Ossis, die überheblichen Wessis, die intellektuellen Großstädter, die kleinbürgerliche Landbevölkerung, Wendegewinner, Wendeverlierer, Kapitalisten, die ewig Gestrigen. Am Ende haben sich Gier, Schuld, Egoismus, Schweigen, Lügen und Intrigen wie ein Korkenzieher immer tiefer ins Mark der Welt gearbeitet und setzten die, ihnen inne wohnenden zerstörerischen Kräfte frei. Bum! Auch in Unterleuten stehen am Ende alle als Verlierer da. Die einen mehr, die anderen weniger.

Juli Zeh: Unterleuten, 656 S., 12 Euro. Btb Verlag, 2017

LESERASTER

This book is for you:

  • Wenn du vom Dorf kommst und in die Stadt geflohen bist
  • Wenn du von der Stadt in ein Dorf umgezogen bist
  • Wenn du wissen willst, wo der Hase lang läuft

But not for you:

  • Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf
  • Wenn du bei Büchern über 600 Seiten, von Seite eins an, die totale Action brauchst
  • Wenn du dir das Kleine nicht als das ganz Große vorstellen kannst/willst

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