Kathrin Weßling: Super, und dir?

Schöne neue Welt

All this talk of getting old
It’s getting me down my Lord
Like a cat in a bag, waiting to drown
This time I’m coming down

Now the drugs don’t work
They just make you worse
But I know I’ll see your face again“
– The Verve –

Super, und dir? lautet der Titel des dritten Buches von Kathrin Weßling. Wäre das eine ernst gemeinte Frage, würden die meisten wohl reflexartig so etwas antworten wie: „Ach ganz gut, danke“, „Super, danke!“, „Kann nicht klagen“. Na dann ist ja alles bestens. Immer geht es allen einigermaßen gut, wenn nicht sogar supergut. Wir wissen, dass das nicht stimmt und sind daher irgendwie mit schuld daran, dass die eigentlich so wichtige Frage „Wie geht`s“ zur Nonsens-Frage degradiert wurde. Wie katastrophal gelogen so ein „Super, und dir?“ sein kann, zeigt die Autorin Kathrin Weßling im gleichnamigen Roman anhand ihrer tragischen Heldin, der 31-jährigen Marlene Beckmann.

Marlene Beckmann lebt in Berlin, arbeitet im Social Media Bereich eines Unternehmens, das irgendeinen Nonsens verkauft, hat einen Freund, der sie liebt und überhaupt sehr viele Freunde. Auch privat pflegt sie ihre Social Media Profile. Sie sieht gut aus. Immer ist alles super nice. Doch spätestens mit Antritt des Jobs ändert sich alles und die ohnehin nur aufgesetzte, immer perfekte Social Media Fassade beginnt an der echten 3-D-Marlene zu bröckeln. Erst ganz langsam, dann recht heftig, bis nichts mehr von der quirligen Uni-Absolventin von einst übrig ist.

Sind doch nur Drogen

Marlene spielt auf einer Party mit ein paar Leuten das Wenn-ich-könnte-dann-würde-ich-Spiel. Der eine würde heiraten, so als Mutprobe, denn wer heiratet denn heute schon noch? Die Nichtschwimmerin der Runde würde natürlich sofort schwimmen. Und Marlene? Marlene würde Heroin ausprobieren. Heroin nimmt sie an diesem Abend keins, aber auf dem Klo wird sich schon einmal an Koks probiert. Für umme, für lau.
Als der Druck im Job steigt, greift Marlene immer wieder zu Drogen, um wach zu sein oder sich abzulenken. Wenn man sich hier und da ein bisschen einschränkt, dann kann man sich das auch ganz gut leisten. 70-Stunden-Wochen sind Standard in Marlenes Job. Die Kollegin ihres Zweier-Teams ist gleichzeitig ihre härteste Konkurrentin, denn nach Vertragslaufzeit wird es in der Firma nur für eine der beiden weitergehen. Der Chef, mit dem jeder auf Du-und-Du ist, macht einen auf Kumpel, will aber natürlich Ergebnisse sehen. ASAP! Immer und immer und immer. Urlaubsanträge werden erst genehmigt, um dann wieder gecancelt zu werden. Das belastet die Beziehung zum Freund, denn der sieht seine Freundin kaum noch und wenn, dann nicht im besten Zustand. „Stopp!“ zu sagen oder gar „Nein!“, kommt Marlene nicht in den Sinn. Die fixe Idee, funktionieren zu müssen, dabei möglichst gut auszusehen und die Umwelt mit ihrem happy Life auf dem Laufenden zu halten, hat in ihrem überstressten Leben längst Überhand genommen. Nichts ist, wie es scheint. Alles ist zum Schein verkommen.
Marlene weiß, dass sie ein Spiel spielt. Ihr ist sogar bewusst, dass sie selbst der Einsatz dieses riskanten Spiels ist, denn sie hört nie auf zu reflektieren. Das gilt auch für ihren Drogenkonsum. Marlene denkt viel nach, kommt aber zu den falschen Schlüssen:

Wenn man mittendrin steckt, denkt man immerzu: Das ist nur eine Phase. Ich habe keine Ahnung, wann genau sie angefangen hat und wie lange sie geht, aber es ist nur eine Phase. Das hier ist nicht für immer. Nichts, das sich in mich hineinätzt und alles andere bestimmen wird.“

Doch genau so kommt es. Ihr ungesunder Lebensstil zerätzt jeden Lebensbereich: Liebe, Familie, Freundschaften, Arbeit, Persönlichkeit. Viele bemerken es nicht, der Chef bemerkt es zwar, ignoriert es aber, der Freund kommt immer schwerer an sie heran. Und Marlene?

Marlene Beckmann tut, was Marlene Beckmann am besten kann: lächeln, nicken – und zur Arbeit gehen.“

Damit das weiterhin möglich ist, werden fleissig weiter Drogen konsumiert. Und zwar nicht mehr nur als „Partyspass“ , sondern wie das tägliche Brot. Marlene weiß längst, was nun doch passiert ist:

Nur weil ich nicht mit einer Spritze im Arm auf einer Bahnhofstoilette in meiner eigenen Kotze liege, nur weil ich nicht anschaffen gehe, um meine Sucht zu finanzieren, nur weil ich nicht kriminell und obdachlos werde, heißt das nicht, dass ich kein Junkie bin.“

Marlene ist ein Junkie 2.0, ein Generation-Y-Junkie, ein Hippster-Junkie, ein Social-Media-Opfer-Junkie, ein Work-Work-Balance-Junkie und sie ist mitten unter uns.

Es ist egal, wie klug du bist

Kathrin Weßling erzählt in Super, und dir? in einer rasanten Erzählweise vom Fall einer vielversprechenden jungen, klugen, sozial bestens integrierten Frau. Nie wird es langweilig, dem modernen Junkie in der Ich-Perspektive beim Philosophieren über die eigenen Fehler und die falschen Abzweigungen zuzuhören. Die Themen, die an diesem Schicksal abgearbeitet werden, könnten aktueller nicht sein. Es geht um den Perfektionszwang, wie er auf Instagram und Facebook zur Schau gestellt wird. Je jünger die User, desto mehr scheint es sich hier um einen Lebensinhalt zu handeln. Es geht um das Arbeiten in Medienunternehmen oder -abteilungen. Uni-Abgänger werden – und das nicht erst seit gestern – gerade in den Städten zu Dumping-Löhnen verbrannt, bis der dauerhaft hochgetriebene Puls und Blutdruck nur noch mit dem Burnout gelöscht werden kann. Mit diesen Themen ist es wie mit Marlene Beckmann. Man sieht es, man ahnt es, man weiß es, man macht nichts. Doch wer ist man? Man selbst. Das Umfeld. Die Gesellschaft. Die Politik. Jedes Thema – ist es auch noch so klein oder noch so groß – hat Zuschauer. Was am Ende mit der verheizten, sich bis zur Unkenntlichkeit freiwillig öffentlich zu Schau gestellten Generation geschehen sein wird, wird sich zeigen.

Super, und dir? ist ein Buch, das sich ruck-zuck lesen lässt. Die Sprache ist schnell, frisch, witzig. Die Figuren sind nahbar. Und die Themen sollten außerhalb der Fiktion viel ernster genommen werden. Denn nur weil nicht jeder Junkie mit einer Spritze in seinem Arm im Bahnhofsklo in seiner eigenen Kotze liegt, oder anschaffen geht…!

Kathrin Weßling: Super, und dir? 256 Seiten, 16 Euro. Ullstein fünf, 2018.