Leif Randt: Allegro Pastell

Leif Randt Allegro Pastell

Liebe in Zeiten übersteigerter Selbstliebe

Allegro Pastell von Leif Randt wird in einem dem Roman vorangestellten Text als „Germany’s next Lovestory“ gehandelt. Dass damit auf „Germany’s next Top Model“, kurz GNTM, angespielt wird, erscheint im Verlauf des Romans zunehmend passend. Denn Eitelkeit und Perfektion wird auch hier zur Spiegelfläche der eigenen Persönlichkeit, bis hin zu kleinsten Befindlichkeiten.

Die Hauptfiguren in Allegro Pastell sind jung, schön, erfolgreich. Jerome Daimler ist ein Freiberufler Mitte dreißig. Er macht in Webdesign, lebt in Hessen, in seinem ehemaligen Elternhaus, einem Bungalow, den er mittlerweile alleine bewohnt. Er pflegt eine Fernbeziehung zu Tanja Arnheim, einer 29-jährigen Schriftstellerin, die mit ihrem Roman PanoptikumNeu ein Stück Kult, internationaler Bekanntheit, geschaffen hat. Tanja wohnt in Berlin, sie wird oft erkannt und sehr begehrt. Sie sucht eine neue Romanidee, was sich nicht ganz so leicht gestaltet, doch der letzte Erfolg trägt sie.

Die super erträgliche Leichtigkeit des Seins


Jerome und Tanja besuchen sich in ihren Städten, braten Sojaschitzel, trinken zuckerfeies Redbull, konsumieren Koks und Ketamin, treffen Freunde und gehen auf Parties, bei denen man sich hier und da an vögelnden Gästen vorbeischieben muss. In ihren Gesprächen oder E-Mails, so kommunizieren sie am liebsten, wenn sie städtemäßig getrennt sind, wird alles, und erscheint es auch noch so klein, in einer intellektuell frisierten Ausdrucksweise groß geredet, zerdacht und vor allem immer auch bewertet. Als das Paar durch eine Mall, das Hessen-Center, läuft, hält Jerome zum Beispiel einen Monolog darüber, wie sich der Einkaufstempel über die Jahre verändert hat:

Während seines Monologes hatte Jerome die Wörter Ente kross süßsauer auf eine Weise betont, als läge etwas glühend Nostalgisches darin, und während des Sprechens war ihm aufgefallen, dass er manchmal Dinge erläuterte, die für Tanja nicht zwingend interessant waren. Tanja hatte geantwortet, dass sie genau das an ihm schätze. Dass so wenige Menschen sich trauten, ihre echten Erinnerungen zu erzählen, da diese naturgemäß arm an Pointen waren – darin erkannte sie ein strukturelles Problem, das eng mit der globalen Ökonomie verwoben war.“

Nicht mit und nicht ohne einander

Im Laufe des Aufenthaltsorts-Ping-Pong von Jerome und Tanja wird sich betrogen, verlassen und zurück begehrt. Tanja schläft mit dem Freund oder Schwarm, so genau ist das nicht klar, ihrer Freundin. Sie geht bei Jerome auf Abstand und nähert sich ihm via Textnachrichten und Mails wieder an. Doch in der Zwischenzeit landet Jerome bei seinem Kindergartenschwarm Marlene. Auch hier ist lange nichts klar, nichts exklusiv. Exklusivität scheint im Kosmos nahezu aller Figuren ohnehin kein Thema sein. Der Kontakt zwischen dem Ex-Paar Jerome und Tanja flammt auch trotz Marlene immer wieder unterschiedlich intensiv auf. Das Timing aber, vor einander und vor anderen, offiziell wieder vereint zu sein – Exklusivität hin oder her -, verpassen sie. Aber irgendwie scheint das auch nicht so schlimm zu sein, denn hier wird nicht an der Liebe gelitten. Hier weint sich keiner wochenlang in den Schlaf. Hier zieht jeder erst einmal sein Ding durch und achtet dabei darauf, immer möglichst gut, möglichst individuell auszusehen. Alle sind locker. Alle sind High. Alle sind mehr oder weniger cool mit allem. Alle inszenieren sich selbst. Liebe dich selbst, sonst liebt dich keiner. Das stimmt. Aber man sollte es mit der Zurschaustellung der Selbstliebe nicht übertreiben. Wird es unterdessen doch mal kompliziert mit der Selbstreflexion, zieht sich zumindest Tanja gerne in sich zurück, geht auf Abstand. Was unbequem ist, wird vertagt.

Aufbau des Beziehungsabbaus

Die Beziehung von Jerome und Tanja wird in Allegro Pastell wechselweise einmal aus Jeromes, dann aus Tanjas Sicht erzählt. Das ist vor allem immer dann sehr schön, wenn nacheinander geschildert wird, wie sie jeweils das selbe Erlebnis wahrgenommen, durchlebt und bewertet haben. Dabei ist der Roman Allegro Pastell in drei Phasen geteilt, die den groben Verlauf der Beziehung skizzieren. In der dritten Phase gibt es eine abrupte Wendung, die dem Duo den Stecker zieht und den Leser mit viel Raum für das Weiterspinnen der Geschichte zurück lässt. Jerome und Tanja. Tanja und Jerome. Vorbei ist vorbei. Es ist nie vorbei.

Ich hoffe es gibt sie noch, die echte, wahre, tiefe Liebe. In diesem Text ist sie allerdings nicht wirklich zu finden. Allegro Pastell ist keine Lovestory. Allegro Pastell ist eine Story in denen den Figuren der Mut zur Liebe fehlt.

Leif Randt: Allegro Pastell, 288 S., 22 Euro. Kiepenheuer&Witsch, 2020