Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Nicht ganz von dieser Welt

Für mich war Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann das letzte Buch, das ich im Jahr 2017 gelesen habe. Hätte ich etwas früher gelesen, wäre es mit Sicherheit in meiner Top 3-Liste 2017 gelandet. Hätte ich es etwas früher gelesen, hätte es mir aber vielleicht auch nicht zum genau richtigen Zeitpunkt geholfen.

Die Winterzeit ist für mich die härteste Zeit des Jahres. Das Wetter ist trüb, die Stimmung meist trüber. Und als wäre das noch nicht genug, setzt das Weihnachtsfest alle Jahre wieder dem Trübsinn die Krone auf. Gut, wenn man da ein Buch zur Hand hat, das die Gedanken weit weg fliegen lässt oder – noch besser – einen durch das Chaos lotst. Mit diesem Roman ist beides möglich.

Selma und Luise

Weit weg ist im Falle von Was man von hier aus sehen kann ziemlich nah. Irgendwo in Deutschland liegt das Dorf, in dem Luise, die Ich-Erzählerin des Buches, mit ihrer Familie lebt. Eine Familie, die nicht ganz normal funktioniert, in dem jedes Mitglied die härtesten Kämpfe mit sich selbst führt und erst an zweiter Stelle die mit den anderen. Wie jeder von uns, wenn man einmal darüber nachdenkt. Wir begleiten Luise, ihre Familie, aber eigentlich das ganze Dorf durch mehrere Jahrzehnte. Von Luises Kindheit bis ins Erwachsensein, etwa 30 Jahre lang. Obwohl das Buch Autos kennt, Filme und Musik, Telefon und Emails, wirkt es dennoch, als wäre es der Zeit enthoben und nicht ganz von dieser Welt. Das liegt weniger am Setting als an Mariana Lekys wunderbarer, seltsam märchenhafter Erzählweise.

Nicht ganz von dieser Welt – das sind hier auch die Figuren. Auf die ein oder andere Weise verschließt sich jede der Realität. Aber tun auch das nicht wir alle? Jeder Charakter hat dabei eine andere Strategie. Luises Vater reist durch die Welt, um dem Ballast des Familienlebens zu entfliehen, Luises Mutter bleibt zwar körperlich zuhause, glänzt aber immerzu durch geistige und emotionale Abwesenheit. Um keine weitreichenden Entscheidungen treffen zu müssen, tut sie Jahr um Jahr dasselbe: gar nichts.

Darum verbringt Luise ihr Leben auch weniger bei und mit ihren Eltern, sondern bei ihrer Großmutter Selma. Sie ist die Bezugsperson für sie und ihren besten Freund Martin, der zuhause einen prügelnden und saufenden Vater sitzen hat. Auch dieser versteht es nicht, das Leben an den Hörnern zu packen. Zu Beginn des Buches hängt er an der Flasche, später an der Bibel. Nur Selma, so gewinnt man den Eindruck, weiß immer genau, was zu tun ist und wie es zu tun ist.

Großes ganz klein

Wären da nicht ihre Träume, vor denen sich das ganze Dorf fürchtet. Denn immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand. Dann geraten alle Bewohner in Aufruhr: manche fürchten um ihr Leben, andere hoffen, sie wären von ihrem endlich befreit. Mariana Leky gelingt das Zauberstück: Sie schreibt traurige Dinge mit einer Leichtigkeit, die einem Freuden- und Mitleidstränen gleichzeitig in die Augen treiben und dazu noch ein Lachen aufs Gesicht.

Wenn man stirbt, heißt es, zieht das Leben an einem vorbei. Das muss manchmal sehr schnell gehen, wenn man beispielsweise irgendwo herausstürzt oder die Laufmündung eines Gewehres unter dem Kinn hat. Während die Tür dabei war, sich hinter Frederik zu schließen, dachte ich in der Geschwindigkeit eines herausstürzenden Lebens, dass Alaska das Abenteuer gesucht hatte, obwohl mein Vater ihm jede Abenteuertauglichkeit abgesprochen hatte. Ich dachte, dass man Abenteuertauglichkeit womöglich nicht beurteilen kann, wenn man sich zu lange kennt, dass sie verlässlich nur von jemandem eingeschätzt werden kann, der zufällig durchs Unterholz gebrochen kommt.

Denn sie setzt uns mit diesem Dorf und seinen Menschen das Kleine im Großen vor. Nämlich uns selbst und unsere Welt. So sind wir Menschen, so verschieden und so gleich. Über ihrem Mikrokosmos lässt sie die großen Fragen schweben:

Wie lebt man eigentlich richtig? Was ist nur los mit uns Menschen? Warum sind so viele so unzufrieden? Und was kann man dagegen tun?

Ob mit Moral oder ohne

Für alle, die – wie ich – manchmal nicht nur zwischen den Jahren hängen bleiben, sondern auch zwischen den Stühlen, die oft hadern, sich wundern und wüten, die sich fragen, welche Entscheidung denn nun die richtige und welche die falsche ist, und am liebsten – wie Luises Mutter – manchmal gar keine treffen wollen, ist dieser Roman ein Segen. Nicht weil es Lösungen bietet oder DIE Antwort liefert. Es sagt einfach nur: So geht’s uns allen, das ist das normale Leben.

Und vielleicht lest ihr sogar für euch eine Moral von der Geschicht’ heraus. Ich habe die für mich darin gefunden. Die ist eigentlich ganz simpel: Sei da, renne nicht weg, schau hin. Schau die anderen an, aber auch dich selbst. Sag nicht Nein zu Deinem Leben, sag Ja, zu den Chancen, die es dir gibt, zum Abenteuer. Tu nicht nichts, tu irgendwas. Die schlimmste Entscheidung ist immer die, keine zu treffen. Aber vor allem: Leb dein Leben und nicht das der anderen.

Ich dachte, dass ich mich noch nie für etwas entschieden hatte, dass mir immer alles eher widerfuhr, ich dachte, dass ich zu nichts wirklich Ja gesagt hatte, sondern immer nur nicht Nein.

Im Grunde ist es aber ganz egal, ob ihr nun für euch eine Moral darin findet oder nicht. Selbst wenn man dieses Buch als eine Geschichte von vielen liest, hält es dem stand: als eine kleine, feine, wunderschön erzählte Geschichte.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont, 2017. 20,00 Euro.

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