Marie Benedict: Frau Einstein

Schlechte Energie

Die amerikanische Autorin Marie Benedict stellt uns in ihrem Roman Frau Einstein Mileva Marić vor, die erste Ehefrau von Albert Einstein. Der Roman basiert auf – und orientiert sich an – historischen Begebenheiten. Diese werden mit erfundenen Wahrheiten angereichert. Wieviel Dichtung steckt in der Wahrheit? Oder umgekehrt: wieviel Wahrheit verbirgt sich in genau dieser Dichtung? Um diese Fragen wird der Leser von Frau Einstein nicht herumkommen. Wir kennen Mileva Marić nicht. Aber alle Welt meint, Albert Einstein zu kennen. Das irre Genie mit der wilden Frisur. Der Erfinder, der Entdecker oder der Vater der Relativitätstheorie, der uns frech seine Zunge entgegenstreckt. Auch mit diesem Albert Einstein macht uns Marie Benedict in Frau Einstein bekannt. Und soviel sei vorab verraten: sie lässt kein gutes Haar an dem brillanten Wuschelkopf. Und alles – somit auch der Weg zur Relativitätstheorie – ist relativ.

Frau Einstein – ein emanzipatorischer Roman

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, sofern er nicht durch von außen einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustandes gezwungen wird.“
(Sir Isaac Newton)

Dass dieses Newtonsche Gesetz nicht nur bei leblosen Objekte, sondern auch auf Menschen Anwendung findet, ist die eigentlich große Erkenntnis im Leben der Mileva Marić, die auf dem Weg zu dieser Erkenntnis viele große Dinge ergründen wird. Im Oktober 1896 fängt die aus Serbien stammende Mileva Marić als eine der ersten und eine der wenigen Frauen ihr Studium in Zürich an. Sie studiert Physik am Polytechnikum. Ihr Vater ist stolz auf seine Tochter und Mileva selbst ist es auch. Schon als Kind zeigte sich, wie wissbegierig und klug dieses Mädchen ist. Mileva Marić wird mit einer Gehbehinderung geboren und beschäftigt sich vielleicht auch daher mehr als andere Kinder mit Büchern, mit Mathematik und Physik. Der Vater fördert das Interesse und das Talent seiner Tochter und für die ganze Familie scheint festzustehen: Mileva Marić wird einen unkonventionellen Lebensweg gehen. Mileva wird studieren, arbeiten und für sich selbst sorgen können. Vielleicht wird sie ihr Fleiß, ihre Auffassungsgabe und ihre Leidenschaft für die Physik sogar berühmt machen.

Die von außen wirkende Kraft

Die Hoffnungen sind groß, als Mileva Marić am Beginn ihres Studiums in eine kleine Pension einzieht. Ablenkung gönnt sie sich nur in kleinen Dosen, beim Musizieren mit ihren Pensionsgenossinnen, ebenfalls Studentinnen, die ihr im Laufe der Zeit zu Freundinnen werden. In den Veranstaltungen der Universität machen es ihr die männlichen Professoren nicht leicht. Sie muss sich behaupten, mehr als alle anderen, und sie tut dies auch. Vor allem den Kommilitonen Albert Einstein beeindruckt das vom ersten Moment an. Der hibbelige Student heftet sich ungebeten an Mileva Marićs Versen und drängt in ihr Herz, erst gegen ihren Willen, zwischenzeitlich sogar gegen ihren Widerstand und doch wird sie schwach. Sich zu verlieben ist keine Schwäche, der Liebe alles unterzuordnen, was zuvor so wichtig war, aber schon. Es dauert lange, bis es zum ersten Kuss zwischen Albert Einstein und Mileva Marić kommt. Dieser erste Kuss besiegelt das Ende des doch eigentlich vorgezeichneten Lebensweg der Mileva Marić als emanzipierte Frau und anerkannte Wissenschaftlerin:

Izgubio sam se. Das war das Einzige, das mir einfiel, um zu beschreiben, was ich in jenem Augenblick empfand. Serbische Worte, die übersetzt so etwas heißen wie ,Ich bin verloren’“

Gleichberechtigte Ehe und wissenschaftliche Partnerschaft

Mileva Marić und Albert Einstein werden, wie er es nennt, zu „einem Stein“, erst im Geheimen, dann offiziell. Sie träumen von einer gemeinsamen Zukunft, sehen sich als Bohème-Paar, das die Welt der Wissenschaft in ein neues Zeitalter führen wird. Sie forschen gemeinsam an den gleichen Dingen, doch während Albert Einstein sein Studium erfolgreich abschließt, wird Mileva schwanger. Wenn die Welt bis dahin rosa funkelte und die Zukunft durch die rosarote Brill betrachtet äußerst rosig erschien, ziehen spätestens jetzt dunkle Wolken auf. Zumindest am Horizont von Milevas Zukunft. Bei Albert ist das anders, was daran liegt, dass er nicht in die gleiche Richtung, nicht in die gleiche Zukunft blickt.

Albert Einstein – kleiner Mann ganz groß

Schon in der Phase des Kennenlernen tat Albert Einstein was er wollte. Ohne Einladung stand er mit seinem Geigenkasten in der Pension und brachte Mileva Marić vor der Hausherrin und Benimm-Dame immer wieder in unangenehme Situationen. Er wollte etwas und er hat es bekommen. Charme, Egoismus, Hartnäckigkeit und Wille brachten ihn an sein Ziel. Die unsichere, überrumpelte und in Liebesdingen unerfahrene Mileva gab sich von dieser Offensive irgendwann geschlagen. Mit der Schwangerschaft jedoch ändert sich alles. Albert Einstein verschiebt plötzlich die Balance von Charme und Egoismus. Er schickt die schwangere Freundin weg, statt sie sofort zu heiraten, um den Beginn seiner Karriere nicht zu gefährden. Mileva Marić bringt ihr Lieserl bei ihren Eltern in Serbien zur Welt. Als Albert Mileva vermisst, bestellt er sie zu sich, aber ohne das Kind. Als Lieserl krank ist, kommt er nicht mit nach Serbien. In dieser Zeit beginnt Mileva die richtigen Fragen zu stellen und alle beginnen sie ähnlich: Wie kann er nur…? Hat er wirkliche…? Er wird doch nicht…? Lieserl stribt, ohne dass sie ihrem Vater auch nur ein einziges Mal in die frechen Augen geblickt hätte. Schicksalsschläge dieser Intensität häufen sich. Während Mileva Marić leidet, ihr Studium nicht abschließt, wieder Mutter wird – Ehefrau, Hausfrau und Mutter – wird Albert Einstein einer der wichtigsten Wissenschaftler seiner Zeit und wie der Leser heute weiß, einer der bekanntesten Wissenschaftler aller Zeiten. Der Albert Einstein in Frau Einstein ist aber auch Patriarch, Tyrann, Ehebrecher, Lügner, Schmarotzer und Dieb. Von Beginn an und immer wieder profitiert er in seiner Karriere vom Wissen seiner Frau. Er nimmt Milevas Erkenntnisse und verkauft sie als die seinen.

Nicht nur Frau Einstein, jeder hält sein Schicksal selbst in der Hand

Alles ist relativ

Lieserl stirbt an Scharlach, ihre Mutter Mileva Marić ist auf dem Rückweg zu ihrem Mann Albert. In der größten Krise ihres Lebens lenkt sie sich ab mit etwas, das ihr immer Halt gegeben hat.

„Die Uhr.
Der Zug.
Lieserl.
Und da viel es mir auf einmal ein. Was würde passieren, wenn der Zug den Bahnhof nicht mit sechzig Kilometern pro Stunde verließe, sondern mit Lichtgeschwindigkeit? Was würde dann mit der Zeit passieren? […] Wenn der Zug den Bahnhof mit einem Tempo verließe, das der Lichtgeschwindigkeit nahekam, würden die Zeiger der Uhr sich immer noch bewegen, aber der Zug würde sich so schnell bewegen, dass das Licht ihn nicht mehr einholen konnte.“

Zuhause angekommen arbeitet Mileva Marić mit Albert Einstein an dieser Theorie weiter, die für sie eine Hommage an ihre verstorbene Tochter Lieserl ist. Aber es ist Albert, der sich um die Veröffentlichung dieses und dreier weiterer Aufsätze kümmert, die er im Jahr 1905 zusammen mit seiner Frau ausarbeitete. Als das Belegexemplar der Analen der Physik bei den Einsteins eintrifft, steht da nur ein Name in der Autorenzeile: Albert Einstein.

You go girl!

Es waren andere Zeiten damals, aber einige Dinge, so scheint es, ändern sich nie. Mileva Marić stellt ganz früh Zweifel am Charakter Albert Einsteins an. Und doch lässt sie sich von seinen säuselnden Ausreden, Schmeicheleien und seiner Hinhaltetaktik immer wieder einlullen und rumkriegen. Der Tod der Tochter, gemeinsame Aufsätze und Erfindungen, bei denen stets nur sein Name auftaucht, Avancen anderer Frauen und eine Affäre, Liebesentzug – Mileva Marić sieht alles und macht ganz lange nichts, wegen der Zeiten, wegen des Geldes, wegen der Kinder. Der Roman macht wütend und strengt einen zuweilen sehr an. So häufig müssen die von Mileva Marić an sich selbst gerichteten Fragen „Er wird doch nicht…?“, „Wie kann er nur…?“, „Hat er tatsächlich…?“ gelesen werden. Die Antworten sind offensichtlich: „Doch, er wird…!“, „Weil er ein um sich kreisendes, egoistisches, egomanes A…!“, „Natürlich…!“ Der Roman macht aber auch Mut, denn das dicke Ende kommt noch. Und zwar dieses Mal nicht für Mileva Marić.

Marie Benedict: Frau Einstein, 368 S., 20 Euro. Kiepenheuer & Witsch, 2018.

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