Melissa Broder: Fische

Grenzgängerin der Gürtellinie

Bevor wir uns gemeinsam ins Rezensionsgetümmel stürzen, eine Warnung vorweg: Wer die Worte Blut, Sperma, Möse, Penis und Ficken nicht auf jeder zweiten Seite eines Romans lesen möchte, sollte wahrscheinlich die Finger von Fische lassen. Alle anderen jedoch dürfen fröhlich zupacken.

Flucht nach Venice Beach

Dieses Buch ist schräg, vielleicht das schrägste Buch, das ich je gelesen habe. In diesem Sinne macht es aber alles richtig. Fangen wir beim Schauplatz an: Wir tummeln uns im Großraum Los Angeles, genauer gesagt in Venice Beach. Dorthin hat es Lucy verschlagen, um sich im Haus ihrer reichen, esoterikverliebten Schwester zu verkriechen und deren diabeteskranken Hund Dominic zu sitten. Für Lucy ist es eine willkommene Flucht aus ihrem verkorksten Leben in Phoenix. Ihr Freund hat sie gerade verlassen, ihre Doktorarbeit über Sappho kommt nicht voran und steht kurz vor dem Aus, da brennen bei ihr die Sicherungen durch. Zeit für eine Auszeit in Venice Beach.

Ich kam nicht umhin, während des Lesens immer wieder an Charlie Sheens Figur Charlie Harper aus Two and a Half Men zu denken. Eine verlorene Seele unter der Sonne Kaliforniens. Lucy ist so etwas wie die andere Seite seiner Medaille. Vielleicht aber auch die seines Bruders Alan.

Das Leben ist gut an der Westküste. Schöne Menschen, tolles Wetter und das Meer vor der Nase. Wer selbst unter diesen Bedingungen nicht klarkommt, der geht zur Therapie. Lucy schließt sich einer Selbsthilfegruppe für Liebes- und Sexkranke an. Ihr erster Gedanke: Die sind ja alle viel verrückter als ich. Stimmt so natürlich nicht, das sieht auch unsere Protagonistin ein, hier kämpft jeder auf seine eigene Weise mit sich und seiner Umwelt.

Lucy and a Half-Man

Eigentlich verordnet ihr die Therapeutin Abstinenz. Eigentlich. Was macht Lucy? Meldet sich auf Tinder an. Um ein paar abtörnende Erfahrungen reicher begegnet sie am Strand schließlich Theo. Ab diesem Moment driftet das Buch in eine Richtung ab, an der sich die Geister scheiden werden. Denn Theo ist eine männliche Meerjungfrau. Er lebt im Wasser und sein Körper ist halb Mensch, halb Fisch. Als Leser hat man nun die Wahl: Sich mit Lucy in die Fluten dieses surrealen Abenteuers zu stürzen oder das Buch kopfschüttelnd zuklappen und als Fehlgriff abtun. Verstehen kann ich beides; und doch habe ich mich für ersteres entschieden.

„Ehrlich gesagt, habe ich einen Schwimmer kennengelernt.“ „Einen Schwimmer“, wiederholte sie. „Einen Sportler?“ „Nein, einen Meeresschwimmer.“ „Zeig mir sein Facebook-Profil.“ „Ich habe ihn nur ein paarmal gesehen und habe keine Telefonnummer oder Mailadresse. Ich kenne ja nicht mal seinen Nachnamen. Wir treffen uns draußen an den Felsen. Du weißt schon, diese Wellenbrecher am Strand? Nachts kommt er angeschwommen.“

Ich wurde belohnt – finde ich zumindest. Melissa Broder macht es uns nicht leicht mit ihrer Geschichte und ihren Figuren. Irgendwie sind sie alle durchgeknallt. Gegenüber Lucy schwankt man stets zwischen Fremdschämen und Mitleid. Mal will man sie rütteln, mal in den Arm nehmen. Aber Broder ist auch eine ungeheuer mutige Geschichtenerzählerin. Sie geht keine Kompromisse ein. Zieht diese Geschichte um den Fischmann und ihre depressive, verzweifelte Protagonistin durch.

Am Haken

Und irgendwann macht es Klick: nach all den Seiten, die vor Blut und Sperma, Fischschuppen und Tabletten nur so triefen, versteht man, um was es hier eigentlich geht. Um die Schönheit und den Schrecken der Liebe und um Depression. All das steckt in der Figur Theo. Er ist die vielleicht gelungenste Metapher, die ich je gelesen habe. Plötzlich liest sich dieser Roman nicht mehr irrwitzig und abstrus, plötzlich wird er schwer und beklemmend. Fische ist auf seltsame Art gut, vielleicht sogar hervorragend. Aber sicherlich nicht für jeden.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wem Charlotte Roches Feuchtgebiete noch zu gesittet war
  • Wem nichts Menschliches fremd ist
  • Wenn Dir Bücher gar nicht verrückt genug sein können

But not for you:

  • Wer am liebsten Bücher im Stil von Poesiealben liest
  • Wer Blut weder sehen noch lesen kann
  • Wer mit Fantasy, Surrealismus und alles, was auch nur einen Millimeter von der Realität abdriftet, nichts anzufangen weiß

Wer diese Rezensionen mochte, mag Fische:

Im Vollbesitz des eigenen Wahns
Super, und dir?
Nutshell

Melissa Broder: Fische. Ullstein, 2018. 21,00 Euro.