Michael Bordt: Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen

Vom Mut zum selbstbestimmten Leben

In meiner Welt gibt es zwei Sorten von Menschen: die, die tun, weil es das ist, was sie wollen. Und die, die es jemandem – und dieser Jemand heißt häufig Mama oder Papa – recht machen wollen. Von außen betrachtet ist es nicht unbedingt leicht zu erkennen, welcher Sorte Mensch das Gegenüber angehört. Manchmal weiß derjenige es vielleicht sogar selbst nicht.

Warum ich euch das erzähle? Weil ich ein interessantes kleines Buch gelesen habe, das eigentlich nicht zu meiner üblichen Art von Lektüre zählt. Aber der Titel hat mich neugierig gemacht: Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen. Das klingt ein bisschen nach hochtrabender Philosophie-Abhandlung, ein bisschen nach sensationsheischender Selbsthilfeliteratur. Tatsächlich treffen sich die beiden Ansätze in der Mitte, sodass daraus ein nachdenkliches, aber auch anregendes Buch geworden ist.

Manche Träume sind Schäume

Wir beginnen unser Leben voller Erwartungen und Träume. Einmal reich sein, berühmt, schön, schlau und trotzdem immer glücklich. Wer hat diesen Traum in jungen Jahren nicht geträumt? Es ist also unvermeidlich, sagt uns Michael Bordt, dass das Leben voller Enttäuschungen steckt. Ganz einfach: weil selbst in dem prallsten und erfülltesten aller Leben etwas schief gehen muss. Das liegt in der Natur der Sache. Menschen sterben, Jobs gehen flöten, Beziehungen zerbrechen.

Und was wissen wir spätestens seit Sigmund Freud? Wenn Erwachsene unglücklich sind, ist meistens die vermasselte Kindheit schuld. Und wer hat sie vermasselt? Na klar: die Eltern. Jetzt wird’s interessant. Der belesene Herr Bordt stellt diese psychologische Annahme nämlich nicht in Abrede. Ganz im Gegenteil. Ja, die Eltern sind oft schuld, auch wenn wir als Erwachsene in depressive Löcher stürzen, die Psyche Probleme macht, wir immer wieder dieselben Fehler machen. Aber sie können nichts dafür. Auch Eltern sind nur Menschen und hatten Eltern, die ihnen ebenfalls die Kindheit vermasselten. Das ist der Circle of Life. Oder auf Deutsch: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Ein Buch für alle

Aus dem teuflischen Kreis der Enttäuschungen gibt es aber einen Ausweg. Nein, das muss keine Therapie sein und auch keine Kontaktsperre (in verzwickten Fällen aber durchaus), sondern zunächst einmal das Verstehen. Wir leben von Tag zu Tag und machen uns über die wichtigsten Dinge nur selten Gedanken. Um die zu sehen und Knackpunkte zu erkennen, hilft Michael Bordts Band.

Der ist übrigens für jeden interessant, selbst für all die dauerhaft Glückseligen unter euch (falls es die tatsächlich gibt). Etwas neues erfahren, dazulernen und die Menschheit ein bisschen besser zu begreifen hat schließlich noch niemandem geschadet. Darum lege ich euch die kurzweilige Lektüre ans Herz, die sich übrigens in einer Stunde problemlos lesen lässt. Und wer weiß? Sie könnte sogar denjenigen helfen, die gar keine Hilfe suchen.

Michael Bordt: Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen. Elisabeth Sandmann Verlag, 2017. 10,00 Euro.

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