Petra Piuk: Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman

Diese Idylle stinkt nach Gülle

Erst einmal ein herzliches Holdrio an die Harmoniesucht! Doch Obacht, du wirst gleich bitter enttäuscht. Petra Piuk nimmt die Leser ihres Romans Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman mit nach Schöngraben an der Rauscher und stellt sogleich fest:

Die Geschichte könnte auch in einem anderen Dorf spielen.“

Eigentlich in jedem Dorf und somit auch in deinem, denn es geht ganz allgemein um das Landleben. Genauer: um das schöne Landleben. Auf dem Land ist alles schön, denn dort gibt es: frische Luft, glückliche Kühe auf der Weide mit prall gefüllten Eutern, nur freundliche Menschen mit rosigen Bäckchen, Hit verdächtige Schlagermusik, leckere regionale Küche, alte zelebrierte Traditionen und ganz viel Liebe und Anteilnahme. Das lupenreine Klischee vom Landidyll wird in diesem Heimatroman exemplarisch vorgeführt, als auch ad absurdum geführt. Und beides passiert immer gleichzeitig, was den Witz dieser Satire ausmacht. Die Handlung von „Toni und Moni“ ist schnell erzählt: Toni, der fesche Dorfheld, trifft Moni, ein schönes Mädchen. Alles läuft auf eine Hochzeit, also ein glückliches Ende, zu. Dieser Plot versucht so ziemlich jedem Plot aller bereits geschriebenen Heimatromane oder -filme auf die Pelle zu rücken, um sich einzureihen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn immer wieder verdunkelt sich der Himmel über Schöngraben an der Rauscher.

Eine bitterböse Satire

In diesem brutal witzigen Buch zerhackt Petra Piuk das Bild vom friedlichen Miteinander in Schöngraben in seine verlogenen, scheinheiligen und heuchlerischen Einzelteile. Interesse und Nachbarschaftshilfe werden als Neugier und Quelle für neuen Klatsch und Tratsch enttarnt. Ehen und Liebschaften sind eng gekoppelt an Sexismus und Gewalt, Perversion bis hin zum Inzest (auch so ein Klischee, aber halt kein schönes). Das Frauenbild ist antiquiert. Das Heimische wird als das Richtige glorifiziert, alles Fremde wird verteufelt. Wie so oft liegt in der Dummheit die Quelle der Gewalt. Es wird gelogen, vertuscht und gelästert – aber eben immer mit einem freundlichen Nicken und einem Lächeln auf den Lippen. Auch als Morde passieren und jemand anfängt in der Familiengeschichte von Toni herumzustochern, versucht jeder den Schein vom Idyll, dem reinen Gewissen und dem herzallerliebsten Wesen zu wahren.

Ein Abgesang oder: gebrüllte Gesellschaftskritik

Petra Piuk lässt kein Klischee vom Landleben unerwähnt. Der Radio-Sender heißt „Radio Schlagerglück“, in der Zeitung wird Oma Mizzis Rezept für gekochte Rinderzunge abgedruckt und alle haben sich lieb, ganz nach dem Motto: Wir kennen uns, wir helfen uns. Doch das hohe Lied der Dorfidylle ist mit einer Begleitmusik unterlegt, die von der Autorin in Moll komponiert wurde. Auch sie ist allgegenwärtig, überall zu hören, sogar dann, wenn es um die Liebe geht:

Neben der romantischen Liebe, der elterlichen Liebe und der Liebe zu Gott gibt es die Liebe zu den Tieren, die im Heimatroman grenzenlos ist. Im Gegensatz zur Menschenliebe, die nach Grenzzäunen verlangt […].“

Die Kritik an der Heuchelei und der Ignoranz der Kleinbürger, Wutbürger, weltfremden Ignoranten, Grantlern und verkappten Extremisten kommt in Watschen und es ist eine Freude, sich beim Lesen von Petra Piuk verprügeln zu lassen. Es gibt nicht genug Blätter, die man vor den Mund nehmen könnte, damit sich dieser Aufschrei nicht mehr wie mit der Bratpfanne ins Hirn geschlagen anfühlt und das, obwohl die Kritik anhand säuselnder Ironie offenbar wird. Die Erzählstimme des Romans ähnelt der lieblichsten Singstimme eines Schlagersternchens, nur eben der Text ist keiner vom Paradies auf Erden.

Geschickt konstruiert

Nicht nur der mit viel Biss formulierte Plot der Satire auf das fröhliche und unschuldige Landleben machen diesen Roman so lesenswert. Auch die Erzählweise selbst lässt die Lektüre von Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman zu einem ganz besonderen Lesererlebnis werden. Der Untertitel „Anleitung zum Heimatroman“ deutet das bereits an. Es gibt Fußnoten mit fiktiven Anmerkungen des Verlages beziehungsweise der Lektorin an die Autorin Petra Piuk. In machen Fußnoten meldet sich die Autorin dann auch selbst zu Wort. Im Plot brodelt es unter der Gürtellinie, unterm Strich der Fußnoten wird ebenfalls gestritten und manipuliert. Kurz: es geht drunter und drüber, die Metaebenen stehen nicht nur in Dialog miteinander, sie bekämpfen sich, dass es in den Ohren klingelt und der Schädel brummt.

Unendlicher Spaß mit Petra Piuk

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt ein so witziges, immer wieder überraschendes und mutiges Buch gelesen haben. Kamikazehaft stürzt sich die aus Güssing im Burgenland stammende Petra Piuk ins vermeintliche Idyll, um es zu entzaubern. Das macht sie so brutal, dass es dir die Sprache verschlägt. Ob der Roman brutal übertrieben ist, das sei mal dahin gestellt. Das müsst ihr selbst entscheiden.

Petra Piuk: Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman, 208 Seiten, 19,90 Euro. Kremayr & Scheriau, 2017.

LESERASTER

This book is for you:

  • wenn du vom Dorf kommst
  • wenn du bitterböse, messerscharfe, brutale Satire liebst
  • wenn du mehr als eine Wahrheit vertragen kannst
  • wenn es dich nicht stört, dass auch die Autorin des Werkes als fiktive Figur vorkommt (da muss man sich schon drauf einlassen können)

But not for you:

  • wenn du vom Dorf kommst
  • wenn für dich die Welt noch in Ordnung ist
  • wenn du keine Kritik vertragen kannst

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