Sarah Kuttner: Kurt

Weil manchmal ist, was nicht sein darf

Kurt ist nach Mängelexemplar und 180° Meer Sarah Kuttners dritter Roman.

Du wirst dich in Kurt verlieben. Und das wird dir das Herz brechen.“

So verspricht es das buchbegleitende Werbematerial des S. Fischer Verlages. Und genau so kommt es auch. Doch fangen wir erst einmal mit dem Sich-in-Kurt-Verlieben an.

Es gibt zwei Kurts im gleichnamigen Roman. Der eine Kurt ist ein süßer kleiner Junge, aufgeweckt und frech, neugierig und quietschvergnügt, ausgestattet mit einer großen Portion kindlicher Naivität. Wäre er erwachsen, wäre charmant ein passendes Wort, um sein Wesen auf den Punkt zu bringen. Weil er aber nun einmal klein ist, ist er eher putzig und bezaubernd. Der andere Kurt ist der Vater vom kleinen Kurt. Er ist lässig, aber nicht nachlässig, ruhig, aber keinesfalls langweilig. Ein cooler Dude. Und dann ist da noch Lena, vom einen Kurt die Lebenspartnerin, vom anderen Kurt quasi sowas wie die Stiefmutti. Aber keine Sorge, vergiftete Äpfel gibt es keine, Lena gehört zu den coolen Stiefmüttern. Lena erzählt uns die Geschichte der Kurts und dabei auch ihre eigene.

Hauptsache Kurt geht’s gut

Zusammen mit ihrem Freund ist Lena von Berlin nach Brandenburg gezogen. Gemeinsam haben sie ein Haus gekauft, das es nun her- und einzurichten gilt. Verheiratet sind sie nicht.

Wir wollen nicht heiraten. Wir glauben nicht an die Ehe. An das ganze Theoretische. Das Theologische. Wir wissen, dass uns kaum noch mehr aneinander binden kann als die Entscheidung für ein Haus außerhalb unserer eigentlichen Heimat, zugunsten eines kleinen Kurt.“

Weil Kurts Mutter raus auf`s Land gezogen ist, rücken Lena und Kurts Vater auf, raus aus Berlin, näher ran ans Kind. Best case scenario: Das Kind wird zwischen den Ex-Partnern so hin und her organisiert, dass es ihm nicht schadet. Das klappt ganz gut, denn der kleine Kurt wird sehr geliebt. Von Mutti. Von Vatti. Und von Lena. Als all diese Leben neu, und mit Blick auf den kleinen Kurt, organisiert sind, da stirbt der kleine Kurt. Einfach so. Ganz schnell. Ganz leise. Ganz schlimm.

Neustart im Neuanfang

Im Fokus der Romans steht nicht der kleine Kurt, sondern die Ich-Erzählerin Lena und der Verlust. Du suchst dir nicht aus, in wen du dich verliebst. Und wenn du dich in einen Vater verliebst, dann ist da plötzlich auch ein Kind in deinem Leben und sämtliche Karten werden neu gemischt. Was darf man als Stiefmutter? Darf man sich diesen Titel überhaupt selbst geben? Soll man das vielleicht sogar? Oder ist das einfach eh so? Das sind einige der Fragen die sich Lena stellt, als der kleine Kurt noch in Tippelschritten um sie herumspringt, im Schlafzimmer, im Blumenbeet. Und dann ist Kurt für immer weg. Neue Fragen drängen sich ungefragt auf: Wohin mit der eigenen Trauer? Kann man Verlust in Liebe aufwiegen? Oder Liebe in Verlustschmerz? Elterliche Liebe wiegt dabei sicher schwerer, doch was bedeutet das für Lenas Liebe, was für Lenas Schmerz? Und wie geht die Beziehung mit dem großen Kurt weiter?

In dieser Geschichte wird vieles angestupst. Allgemein gültige Antworten gibt es freilich nicht. Kurt ist ein Roman und kein Ratgeber. Die darin skizzierten Figuren haben jeweils eine Persönlichkeit und die lässt sich nicht überstülpen auf die Figuren eines Theoriespieles zur Trauerbewältigung beim Verlust eines Kindes. Der Roman bricht seinen Lesern tatsächlich das Herz. Denn anfangs, da geht alles so gut los. Da haben sich Erwachsene Erwachsenendinge überlegt, angepackt und durchgezogen, damit es dem geliebten Kind gut geht. Liebe nimmt in diesem Roman mehr Platz ein als der Tod oder die Leere nach einem Verlust. Liebe hilft dabei Dinge die niemals zu verkraften sind, wenigstens aushalten zu können. Sarah Kuttner hat mit Kurt einen herzzerreissend schönen Liebesroman geschrieben und dabei eine Geschichte die tonnenschwer wiegt federleicht erzählt. Das ist vielleicht die größte Leistung des kurzweiligen Romans, der so dolle auf die Tränendrüsen drückt und einen aber auch mehr als einmal zum lachen bringt.

Sarah Kuttner: Kurt, 240 Seiten, 20 Euro. S. Fischer, 2019

LESERASTER

This Book is for you:

  • Wenn du schon die anderen beiden Bücher von Sarah Kuttner abgefeiert hast
  • Wenn du mal wieder ein Buch lesen möchtest, das du von der ersten bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen kannst
  • Wenn du gerne mal ein Tränchen verdrückst während du liest

But not for you:

  • Wenn du beim Lesen nicht gerne heulst
  • Wenn du es nicht magst, wenn Autoren schreiben wie sie sprechen
  • Und ach, für Eltern wird’s wohl auch schwer das zu lesen…

Wenn dir diese Rezension gefiel, gefällt dir auch:

Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz