Sonja Heiss: Rimini

Nicht von schlechten Eltern

Das Leben kann knallhart sein. Warum also weichgespült darüber schreiben? Das könnte Sonja Heiss’ Credo beim Schreiben von Rimini gewesen sein. Hieb- und stichfest – und zwar so sehr, dass es beim Lesen manchmal richtig wehtut – erzählt sie von der Familie Armin. Sooft wie sie einen mit ihren Wortnadeln pikst, sorgt sie auch für Lacher. Manchmal sogar gleichzeitig. Dann ist dieses Buch am allerbesten: wenn man sich oder andere in Situationen erkennt und so getroffen fühlt, dass Lachen, Weinen und Grübeln ineinander übergehen.

Die Armins sind eine Familie aus seltsamen Charakteren und gerade deshalb herrlich normal. Die Eltern Barbara und Alexander versuchen irgendwie, mit ihrem Dasein als frischgebackene Rentner klarzukommen und scheitern darin grandios. Barbara will etwas erleben und sich mit Freundinnen treffen. Alexander verunsichert diese Unabhängigkeit so sehr, dass er ihr auf Schritt und Tritt durch die Wohnung folgt. Barbara bleibt oft nur die Flucht in den Weinkeller oder in den Schlaf. Der kann schon mal ein paar Tage dauern. Man spürt: hier stimmt etwas nicht. Das Problem liegt weitaus tiefer und nicht bloß im Rentenbeginn.

Barbara verstand nicht so recht, was jetzt anders war als vor ihrem achttägigen Schlaf, aber es war besser. Sie fragte sich, ob Alexander sie nicht mehr wahnsinnig machte, weil er es einfach nicht mehr tat, oder ob sie ihn anders wahrnahm, seit sie ihre Traurigkeit in der alten Federkernmatratze gelassen hatte. Aber eigentlich war es auch egal. Hauptsache, es würde so bleiben. Sie traute dem Ganzen noch nicht, sie wusste, dass diese Dinge kippen konnten, aber sie hatte das Gefühl, eine Art Knoten wäre geplatzt. Sie hielt es sogar für möglich, sich wieder in Alexander zu verlieben. Das erste Mal hatte sie sich nach zwei Kindern und sechs Jahren Ehe in ihn verliebt.

Der brüllende Bruder

Auch bei ihrem Sohn Hans schrillen die Alarmglocken des Lesers ziemlich laut, obwohl er auf den ersten Blick das perfekte Leben führt. Hans ist schön, seine Frau ist schön. Hans ist erfolgreich, seine Frau ist erfolgreich – er als Partner in einer Anwaltskanzlei, sie als Journalistin. Hans liebt seine Frau und seine Kinder, zusammen leben sie in einem modernen, luxuriösen Haus in München. Wären da nicht Hans’ Wutanfälle, die ihn immer wieder überkommen. Dann kann er sich nicht mehr kontrollieren. Mal erwischt es nur den Stift eines Kollegen, mal – allerdings unabsichtlich – den Kopf seiner Frau. Um Job und Ehe zu retten, begibt er sich in Therapie. Seine strenge Analytikerin Frau Dr. Mandel-Minkic treibt den zornigen, nicht mehr so jungen Mann zuerst zur Weißglut, manchmal zur Erkenntnis und weckt dann zärtliche Gefühle in ihm. Ja: auch hier ist der Wurm drin.

Der Drucker guckte blöd zurück, er hätte ihm so gerne einen kleinen Ellbogencheck verpasst. Aber das war er nicht, sagte seine innere Frau Dr. Mandel-Minkic. Er hatte das nicht nötig, er konnte sich doch so gut verbal wehren. „Arschloch“, sagte er zum Drucker, setzte sich wieder und dachte über seine Zukunft nach. Seine Position als Equity-Partner zu verlieren wäre in etwa so wie sein Leben zu verlieren. Vor seinem inneren Auge sah er sich schon in einer Mietwohnung mit Laminatparkett, einen gebrauchten Kleinwagen in der Garage.

Kein Kind und keine Karriere

Anders, aber kaum besser läuft es beim vierten Mitglied der Armin-Familie, Hans’ Schwester Masha. Masha ist chronisch unzufrieden: Irgendwie macht ihr Langzeitfreund Georg alles falsch, seitdem sie kurz vor ihrem 40. Geburtstag beschlossen haben, ein Kind zu kriegen – er riecht sogar falsch.

Sie drehte sich auf den Bauch und kroch mit ihrem Gesicht hinein, gab den weichen Haaren einen Kuss und bemerkte einen unangenehmen Geruch. Er war nicht ganz neu, aber da war eine scharfe Note, die ihr nicht bekam. Körper ändern sich, dachte sie. Alte Menschen riechen alt, auch wenn sie so viel duschen wie junge Menschen. „Hast du ein neues Deo?“, fragte sie. Georg verneinte.

Der große Durchbruch als Schauspielerin lässt ebenfalls seit Jahren auf sich warten und ihrem hübschen Gesicht sieht man langsam sein Alter an. Ist im Spiegel der Ansatz eines Doppelkinns zu sehen? Vielleicht wird es Zeit für ein paar Schönheitskorrekturen? Geld ist auch keines da und Papa Alexander nervt mit seinen ständigen Quengelanrufen.

Rimini ist rigoros

Sonja Heiss steigt gleich richtig ein. In diesem Roman gibt es kein Geplänkel, kein ruhiges Fahrwasser. Dieses Buch ist keine Schonkost. Es treibt jede seiner Figuren an den Rande des Nervenzusammenbruchs und sogar darüber hinaus. Das macht großen Spaß beim Lesen, hat aber auch Substanz. Hinter jeder Regung, jedem absonderlichen Verhalten liegt eine Geschichte, ein Trauma, eine bestimmte Erfahrung. Die müssen wir nicht explizit kennen, um das zu verstehen. Deshalb ist es nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch harter Tobak.

Wie Sonja Heiss diese widersprüchlichen Charakteristika zu einer runden Geschichte vereint, ist großes Kino. Und zwar wortwörtlich. Die Autorin ist erfolgreiche Drehbuchautorin und weiß, was sie tut. Davon profitiert Rimini ungemein. Beim Lesen entwickelt sich ein lebendiges, farbenfrohes Kopfkino. Selten habe ich Romanfiguren und Handlungen so bunt und beweglich vor mir gesehen. Ihre größte Stärke aber sind die Dialoge. Authentisch, auf den Punkt – und zwar durchweg. Einer meiner Lieblinge ist Hans’ missratener Familienurlaub:

„Schau dir jetzt bitte mal diese Stühle an. Guck sie dir einfach mal an!“ 
Hans war langsam wirklich genervt. „Ellen, stell dir vor, es gibt Stühle, die nicht von Charles Eames designt wurden, und auf denen kann man trotzdem sitzen! Sogar du!“ 
„Ich bleibe nicht in diesem Loch! Ich suche uns jetzt ein richtig schönes Hotel. Und zwar fünf Sterne.“ Sie legte eine Pause ein. „Superior. Mir reicht’s.“

Rimini kann, was nur wenige deutsche Romane können: unterhalten und ernst sein, unterhalten und trotzdem nicht in die Klischeeschublade greifen, unterhalten und unkonventionell sein. Ich wünsche mir mehr solcher Bücher aus deutschen Verlagen und hoffe sehr, dass Sonja Heiss dem Roman treu bleibt und Millionen begeisterter Leser findet. Wie wär’s?

Sonja Heiss: Rimini. Kiepenheuer & Witsch, 2017. 20,00 Euro.

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