Tara Westover: Befreit

Befreit Tara Westover

Der ganz andere Bildungsroman

Das autobiografische Buch Befreit – Originaltitel „Educated“ – von Tara Westover ist ein brutal schönes Buch. Schön, weil es einen nicht mehr los lässt. Und brutal, weil das Erzählte all zu oft so hässlich ist und den Leser immer wieder erschaudern lässt. Die Geschichte spielt in der Schicht des sogenannten White Trash, im Dunst von Verschwörungstheorien und religiösem Fanatismus. Und sie wahr.

Tara Westover irgendwo in Idaho

Tara Westover wächst zusammen mit ihren Geschwistern in einem ländlichen Ort nahe des Berges Buck Peak in Idaho auf. Ihr Vater leitet einen Schrottplatz, auf dem die Kinder mit anpacken müssen. Die Mutter macht sich als Kräuterhexe einen Namen und lässt sich von einer selbst ungelernten Kraft zur Hebamme ausbilden. Die Eltern sind Mormonen und sie möchten nicht, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Sie geben vor die Geschwister von zuhause aus zu unterrichten. Das funktioniert bei jedem anders, unterm Strich aber generell eher schlecht als recht. Einige der Geschwister, sowie auch Tara, haben keine Geburtsurkunde und wurden nie irgendwo gemeldet, denn der dominante Vater misstraut der Regierung. Er bunkert Lebensmittel und Unmengen an Erdöl, um jederzeit auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Das Schlimmste ist zum Beispiel der Zeitsprung vom 31. Dezember 1999 23:59 Uhr auf den 1. Januar 2000 0:00 Uhr. Der Verschwörungstheoretiker kommt auch dann nicht zur Vernunft, als zu diesem Zeitpunkt rein gar nichts geschieht.
Seine Skepsis und Paranoia gegenüber allem und jedem geht so weit, dass er seiner Familie zudem jede Art von medizinischer Versorgung verwehrt. Durch seine Dominanz überschattet er die Persönlichkeitsentwicklung all seiner Kinder. Einer von Taras Brüdern wird für Tara und ihre Geschwister, aber auch für seine Freundin und zukünftigen Frau, immer wieder zur direkten Gefahr, weil von ihm eine perfide psychische, als auch eine immense physische Gewalt ausgeht. Ein anderer Bruder verlässt die Familie frühzeitig, um dem zu entkommen. Tara selbst ist zwischen der Welt, die ihre Eltern erschaffen haben, und der Welt der Menschen, in deren Reihen sie lebt, hin und her gerissen.

Bildung als Schlüssel zu allem

Tara ist ein kluges Kind und ein wacher Teenager. Sie weiß, dass die anderen Menschen um sie herum anders leben. Sogar die Mormonen werden nicht mit der Strenge erzogen wie sie. Animiert von ihrem ersten Freund, einem Pfarrer und dem Teil der Verwandtschaft, der sich vom Vater mehr und mehr distanziert, traut sie sich darüber nachzudenken, was es außerhalb des Buck Peak für Möglichkeiten gäbe. Sie entwickelt den Mut und die Willensstärke auf- und somit auszubrechen. Dreh- und Angelpunkt für eine selbstbestimmte Zukunft wird ihre Entscheidung, den Highschool-Abschluss nachzumachen. Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie ihren Schulabschluss in Eigenregie nachholt, ohne zuvor jemals in einer Schule unterrichtet worden zu sein. Danach geht sie an die Uni und macht schließlich ihren Doktor in Cambridge. In dieser Zeit hört sie auch das erste Mal vom Krankheitsbild der bipolaren Störung. Der Krankheit, unter der auch ihr fanatischer und unberechenbarer Vater leidet.

Dicker als Blut

„Befreit“ spart nicht mit detailgenauen Grausamkeiten. Das Buch zeigt eindrucksvoll und bildgewaltig wie diese Familie aufgrund der Irrungen des Vaters, und der Resignation der Mutter, in andauernder Gefahr gelebt hat. Mehr als einmal hat das Quäntchen Glück einzelne Familienmitglieder von der Schippe geholt und zurück ins Leben gestellt. Ein vorbestimmtes Leben, ohne eigene Meinung, ohne Selbstbestimmung. Der Radius der Existenz der meisten Familienmitglieder reichte nicht weiter als der Schattenwurf des Buck Peak. Obwohl Tara es schafft, sich aus dieser Welt zu lösen, fällt ihr der Abschied alles andere als leicht. Immer wieder hegt sie Zweifel an ihrem neuen Lebensweg und kommt ins Straucheln. Es ist schwer nachvollziehbar, warum sie so oft auf den Schrottplatz zurück kommt. An den Ort, an dem seit Jahren alles in Trümmern liegt. Aber zwischen dem Schrott, den Erinnerungen an brutale, emotionsgeladene aber auch völlig emotionslose Begegnungen mit dem Vater und dem Bruder, liegt eben auch viel Liebe vergraben. Letzten Endes ist dies kein Ort, an dem Tara Westover bleiben kann. Blut ist eben nicht immer dicker als Wasser. Heute hat Tara Westover nur noch zu einigen Familienmitgliedern Kontakt.

Auch Barack Obama outete sich auf Facebook als Fan dieser Lektüre und bringt es auf den Punkt:

Tara Westover’s Educated is a remarkable memoir of a young woman raised in a survivalist family in Idaho who strives for education while still showing great understanding and love for the world she leaves behind.” Barack Obama

LESERASTER

This book is for you:

  • Wenn dich wahre Geschichten immer wieder bewegen.
  • Wenn du der Meinung bist, dass autobiografische Bücher die besseren Ratgeber sind.
  • Wenn du mal wieder ein Debüt lesen möchtest, das dich wegfegt.

But not for you:

  • Wenn du nicht glaubst, dass das Unmögliche möglich ist.
  • Wenn du ein eher passiver Sesselpupser bist, der sich überhaupt nicht vorstellen kann, eine Umschulung zu seines Glückes Schmied zu machen.
  • Wenn du es nicht erträgst, dass eine Figur in einem Buch immer und immer wieder den selben Fehler macht, bevor sie am Ziel ankommt.

Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss, 448 S., 23 Euro. Kiepenheuer & Witsch, 2018.

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