Thomas Lang: Freinacht

Thomas Lang Freinacht

The kids aren`t alright

In der Nacht auf den 1. Mai 2006 feierte eine kleine Gruppe Minderjähriger in einem Waldstück in Bayern eine Party. Eines der Kinder fand eine Leiche und zeigte sie den anderen. Einige der alkoholisierten Kids begannen dann gemeinsam die Leiche so brutal zu schänden, dass die Polizei nach dem Auffinden des Toten von einem Gewaltverbrechen ausging. Um diese wahre Begebenheit herum, hat der Autor Thomas Lang den Roman Freinacht gestrickt, der sich im Kern mit der Verrohung der Gesellschaft beschäftigt.

Trugbild Freinacht

Elle lebt mit ihrer Mutter im fiktiven Kaff Vierweg. Hier geht sie zur Schule, pflegt Freundschaften und mimt den genervten Teenager. Sie gehört nicht zu den Coolen. Da sie die sogenannten Coolen aber ohnehin alle bescheuert findet, also fast alle, denn es gibt immer diesen einen Jungen, versucht sie es sich in ihrer kleinen Außenseiter-Rolle so gemütlich wie möglich zu machen. Ihr 16. Geburtstag steht an und den will sie ganz anders feiern als die anderen. Statt Flaschendrehen und Wahrheit oder Pflicht plant sie ihre Feier in einem verlassenen Schuppen im Wald, bei den stillgelegten Gleisen. Die Feier erweist sich als Flop. Kaum jemand kommt und am Ende ist Elle mit ihrem Schulfreund Junis, einem Jungen der Hell genannt wird und dem erst dreizehnjährigen Vale alleine im Schuppen. Zu viert wird getrunken und Musik gehört. Als einer der Jungen beim herum Spazieren auf dem Gelände eine Leiche findet, hätte die Party vorbei sein müssen. Doch statt die Polizei zu rufen schleppen sie den Mann zu einem Baum, binden ihn fest und schlagen auf ihn ein. Ein Eisenrohr kommt zum Einsatz, Knochen knacken, eines der Handys der Kinder wird Zeuge der Tat, die von ungezügelter Brutalität und gemeinschaftlicher Gewaltbereitschaft im alkoholgetränkten Delirium geprägt ist.

Die Party ist zu Ende

Elle und ihre Freunde sind an diesem Abend zwischen 13 und 17 Jahre alt. Es gelingt den Kindern weder dicht zu halten, noch die Tat zu vertuschen oder zu verdrängen. Der Tote trug eine Kette mit einem Namen, seinem Namen: Frank. Mit diesem Wissen bekommt der Unbekannte eine Identität. Seit dem widerlichen Verbrechen erscheint Elle dieser Frank, spricht mit ihr. Sie bricht ihr Schweigen, wendet sich erst an einen Vertrauenslehrer und dann an die Polizei. Im Nachgang dieser Tat, dem Bekanntwerden und den polizeilichen Ermittlungen zerbröckeln die ohnehin sehr brüchigen Freundschaften und vier junge Biografien geraten ins Wanken. Vale halten die anderen drei aus allem heraus, aber auch er kommt nicht unbescholten davon. Die Urteile, die Elle, Hell und Junis erhalten, sind wieder der Realität entnommen: Sozialstunden, Freiheitsstrafe ohne und Freiheitsstrafe mit Bewährung. Alle drei waren geständig, das Gericht berücksichtigte gruppendynamische Prozesse, alkoholbedingte Enthemmtheit und eine Verrohung durch den Konsum von Gewaltvideos im Internet. Um diese drei Eckpfeiler spinnt sich beim Lesen des Jugendromans ein Netz an Gedanken: Alkohol? Internet? Wirklich? Wie kann so etwas wirklich passieren? Wie ist das möglich? Was sind die wahren Gründe? Die Kinder stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, die Angelegenheit kann nicht einseitig betrachtet, Erklärungen können nicht leichtfertig zurecht gelegt werden. Aber nicht nur die Jugendlichen werden Ziel unbequemer Überlegungen. Bei dem Toten Frank handelt es sich um einen Selbstmörder, dessen Tod Tage zurück liegt und dessen Verschwinden zuvor niemandem aufgefallen war. Elle selbst rückt diesen stillen Tod in den Fokus, ohne sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen:

Die anderen, die Erwachsenen damals, hätten ihn vermissen müssen, sie hätten merken müssen, dass einer fehlte, und ihn suchen. Es war ihr Versagen. Das hatten sie abgewehrt und ihre Sündenböcke gefunden. Trotzdem blieb es ihr Fehler, es war in der Welt, war im Gedächtnis aller aufbewahrt. Sie alle teilten diese Wunde.“

Am Ende springt das Buch ein paar Jahre in die Zukunft, erzählt, was aus jedem der vier geworden ist und lässt sie abermals aufeinander treffen. Auch dieses Mal übertreiben sie es. Ein großartiges Ende, dass die Denkspirale noch einmal ordentlich ins Wanken bringt. Freinacht ist die perfekte Schullektüre, ein Jugendroman der zum Nachdenken über richtig und falsch, über Hemmschwellen und gefährliche Gruppendynamik anregt. Der Roman zeigt was übrig bleibt, wenn die Gruppendynamik aufgezwirbelt und jeder der Teilnehmer wieder mit sich alleine ist. Freinacht ist ein Buch, das seine Leser nicht gleichgültig zurück lässt.

Interaktives Schreiben

Der Roman Freinacht ist auch ein Experiment. Er entstand aus einem literarischen Internet-Projekt heraus. Der Autor Thomas Lang gab Interessierten Lesern die Möglichkeit, sich über eine Online-Plattform mit Anregungen und Ideen zum Plot zu äußern und sich so an dessen Umsetzung zu beteiligen. Thomas Lang schrieb Freinacht freilich alleine, ließ sich aber eben von außen, zum Beispiel von Schülern, inspirieren.

„Ich stellte mich den Kommentaren – Lob wie Einwänden – meiner Leser, bevor der Text gesichert war. […] Meine Rolle als Autor verschob sich ansatzweise vom autonom agierenden zum moderierenden und machmal reagierenden, wobei ich nach wie vor frei über die Entwicklung des Romans verfügte und schließlich, den Netzroman wie eine Graphit-Wand der freien Bearbeitung überlassend, ein herkömmliches Buch daraus machte“,

so Thomas Lang im Nachklapp seines Romans Freinacht.

So ganz herkömmlich ist dieses Buch aber gerade deswegen, also weder in der Entstehung noch in der Intensität des Erzählten, nicht.

Thomals Lang: Freinacht, 336 S., 22 Euro. Berlin Verlag, 2019

LESERASTER

This book is for you:

  • Wenn du dich gerne dem Gedankenspiel hingibst: Was hätte ich getan?
  • Wenn du Geschichten magst, bei denen mehrere Figuren ein Erlebnis teilen, aber unterschiedlich mit den Folgen umgehen
  • Wenn du grundsätzlich der Meinung bist, dass Jugendliteratur nicht nur für Jugendliche geschrieben wird

But not for you:

  • Wenn du gerne mit dem Finger auf andere zeigst
  • Wenn es dir nicht gelingt, das Unmögliche für möglich zu halten
  • Wenn dich das Nachdenken über Recht und Unrecht all zu schnell wahnsinnig macht

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