Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Das Leben des Vernon Subutex

Kawumm! Schäpper! Bam! Bam!

Sexistisch, rassistisch, antisemitisch, Islam feindlich und politisch unkorrekt ist der Roman Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes nicht. Aber die einzelnen Figuren des Werkes sind es sehr wohl.

Vernon Subutex lebt in Paris, hat die 40 längst geknackt und befindet sich auf der Talfahrt seines Lebens. Früher kannte man ihn als den coolen Typen, dem der angesagte Plattenladen „Revolver“ gehörte. Er war Teil der Pariser Punk-Szene, auf Du-und-du mit Stars aus der Musikbranche und äußerst begehrt bei den Frauen.

Er war der coole Straßenwolf, wild und unabhängig, seine Freunde beneideten ihn um die elegante Lässigkeit, mit der er eine Geschichte an die andere hängt.“

Heute steht er vor dem Nichts. Die Digitalisierung zwang Läden wie seinen in die Knie. Subutex verschließt die Augen vor der Pleite, verkauft mal dies mal das im Internet, bis es nichts mehr zu verkaufen gibt. Doch auch dann bleiben seine Augen fest geschlossen:

Er sitzt in einer Blase. Darin überlebt er wie unter Wasser.“

Der vom Schicksal gebeutelte Subutex strauchelt und bevor er in der Gosse landet, nimmt er nach und nach Kontakt zu Freunden, Bekannten und ehemaligen Liebschaften aus der guten alten Zeit auf. Viele von ihnen hat er ewig nicht gesehen. Er tut vor ihnen so, als wohne er schon lange nicht mehr in Paris, sei nur auf der Durchreise und freue sich, die alten Nasen mal wieder zu sehen. Er steht mit leeren Händen da, lässt sich einladen, schlüpft in die Rolle des Übernachtungsgastes. Die meisten durchschauen ihn gleich. Vernon Subutex macht nicht mehr viel her und doch lassen sich viele – zumindest vorübergehend – bereitwillig und gerne in seinen Bann ziehen. Es scheint als sei der Blick in seine Augen eine Tür in eine längst vergangen Zeit. Eine Zeit als alle noch jung, sexy, das Bindegewebe straff und der Optimismus, was die eigene Karriere und Lebensplanung angeht, das höchste Gut waren.

Scheitern auf der ganzen Linie –
Schicksal oder Selbstverschulden

Das Leben hat die Menschen, die Vernon Subutex auf seiner Reise in den Abgrund trifft, zynisch gemacht, verbittert, depressiv, pessimistisch. Einige versuchen den Schein des okayen Lebens zu wahren. Andere sind Blender, blenden zum Teil sich selbst. Wieder andere haben kapituliert. Kapituliert vor dem eigenen Lebensentwurf. Kapituliert vor dem Druck und den Erwartungen der Gesellschaft. Sie funktionieren zwar besser als Subutex, aber glücklich, wirklich erfolgreich oder selbstkritisch sind auch sie nicht. Fast alle sind sie in irgendeiner Form Extremisten. Denn Schuld an der eigenen Misere sind immer die anderen. Und die anderen dass ist das jeweils andere Geschlecht, das sind die Ausländer, allen voran die Araber, die Juden, die Geldsäcke. Jeder der Menschen, die Vernon besucht, sieht sich als Opfer. Selbst Schuld am eigenen Scheitern scheint keiner zu sein.

Die Wut des Alters

Die Figuren driften jeweils in andere Extrem ab. Was sie gemeinsam haben, ist die Angst vor oder der Hass auf das Alter. Um von sich selbst abzulenken, wird teilweise heftigst an das andere Geschlecht ausgeteilt. Glaubt man den meisten Männern in diesem Roman, ist die 40 das Mindesthaltbarkeitsdatum der Frau. Spätestens dann ist der Lack so richtig ab. Das ist auch insofern schlimm, da es für die Frau eigentlich nur eine Existenzberechtigung gibt, die da heißt: den Mann heiß machen. Als Vernon bei einem seiner Besuche die Frau des Ehepaares in Augenschein nimmt, fällt sein Urteil dem entsprechend hart aus: „Sie ist nicht hübsch. Sie ist spröde, ihr Gesicht ist hart, die Lippen sind zu dünn.“ Auch ihre weit geschnittenen Klamotten kommen nicht durch seine Geschmackskontrolle:
„Im Gegenteil, das waren teure Kleider, die sie sorgfältig ausgewählt hat, auf die sie stolz war und die sie mit dem Bewusstsein trug, damit echte Lebenskunst zu verteidigen. Das ist das Problem! Wenn die Weiber ganz unter sich schwatzen, kommen sie zu Ergebnissen ohne Sinn und Verstand, und ihm soll bloß keiner erzählen, darin liege nicht im Grunde eine tiefe Feindschaft gegen die männliche Libido.“

Dass Frauen bei dem, wie sie sich geben, als erstes an sich denken, ist ein Gedanke, der den Männern in diesem Setting fremd ist. Doch auch die Damen bewegen sich bei ihrer Kritik an den Männern häufig unter der Gürtellinie:

Männer ihres Alters stoßen sie ab, ihre Eier hängen runter wie sklerotische Schildkrötenköpfe.“

Wenn Körperkult auf das Altern trifft, scheinen Gehässigkeiten gegenüber anderen und Depressionen zwangsläufige Begleiterscheinungen zu sein. Die Figuren haben keine Inhalte von Gewicht und Wichtigkeit, die ihrem Leben Sinn geben könnten. In der Altersgruppe, in der wir uns hier bewegen, muss die Statusmeldung des Lebens längst Erfolg im Überfluss anzeigen. Ist dem nicht so, ist alles Nichts. Das zumindest suggerieren die Figuren mit ihrem Denken und Handeln.

Darf Frau das?

Aber natürlich! Virginie Despentes hat mit „Das Leben des Vernon Subutex“, zu dem es mittlerweile zwei weitere Romane gibt, ein äußerst kurzweiliges Buch geschrieben. Sie frotzelt laut und schrill gegen eine Gesellschaft, die es sich in ihrem Jammertal bequem eingerichtet hat. Dass das Werk in Paris spielt, ist dabei weniger wichtig. Es könnte auch in Berlin, in Dresden, München oder auch amerikanischen Gebieten spielen. Die Autorin schildert weniger wie, sondern vielmehr dass das eigene Scheitern die Sicht auf die Gesellschaft verändern kann. Ihr Blick auf die Entwicklungen der Gegenwart ist schonungslos aber nicht ohne Witz. Das sexistisch, rassistisch, Islam und Juden feindlich gesinnte und agierende Personal des Werkes macht betroffen und wütend. Denn all diese Menschen hatten mal was. Sie waren mal wer. Doch im Moment des Scheiterns oder im Überfluss der Unzufriedenheit wird mit dem Finger auf Minderheiten gezeigt. Auch wenn zwischen den Zeilen die Angst vor dem eigenen Altern und Scheitern durchkommt, sollte man weiterhin mehr als gewillt sein, seinem jetzigen Ich treu zu bleiben, sich auf seine Werte zu konzentrieren, darauf, dass man auch wenn alles um einen herum zu bröckeln scheint – es bröckelt ja nichts wirklich – immer der Herr der eigenen Gedanken, des eigenen Willens und seines Glückes Schmied ist. Denn meistens sind nicht die anderen schuld. Aber genauso meistens fällte es schwer, auf sich selbst sauer zu sein. Das ist eine schöne Übung für`s Altern. Sauer auf sich selbst sein und das aushalten können. Danke, Vernon! Oder besser: Danke, Virginie Despentes!

LESERASTER

This book is for you:

  • Wenn du kurzweilige, rasant erzählte, laute und schrille Bücher mit derbem Humor magst
  • Wenn du nicht nur Humor hast, sondern ihn auch verstehst
  • Wenn du ein Fan von Ironie bist und zwischen den Zeilen lesen kannst

But not for you:

  • Wenn du eine (sorry) Hard-Core-Emanzen bist
  • Wen du keine Ironie verstehst
  • Wenn du gerne mit erhobenem Zeigefinger durchs Leben gehst, denn dein Finger würde dieses Buch nicht überleben

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex, 400 Seiten, 22 Euro. Kiepenheuer & Witsch, 2017

Wer diese Rezensionen mochte, mag auch

 Roland Topor: Memoiren eines alten Arschlochs